Ballon fliegen: Berührt, hoch in den Lüften

Erklimmt man einen hohen Berg und kann hinunter ins Tal schauen, so ist dies ein erhebender Augenblick. Fliegt man mit einem Flugzeug und schaut durch das kleine Fenster hinunter, so erscheint die Erde wie eine Miniaturwelt. Hat man einen Heißluftballon bestiegen und fährt langsam über eine Landschaft, so ist das Erleben unmittelbar. Es ist eine Stille spürbar, die manchen mit Ehrfurcht erfüllen und eine neue oder andere Erfahrung von Körperlichkeit und Leiblichkeit bewirken kann.

Thomas Holtbernd

Der Mensch hat wohl mit dem Traum vom Fliegen begonnen, als er Vögel gesehen hat, die sich mühelos in den Lüften bewegen können. Es ist nicht nur der Wunsch, längere Distanzen schneller überwinden zu können. Die Möglichkeit, über eine Landschaft fliegen und von dort oben auf das Unten hinunterschauen zu können, dürfte eine ebenso große Sehnsucht der Menschen sein.  Es ist daher erstaunlich, dass erst spät in der Geschichte der Menschheit das Fliegen möglich wurde. Die Brüder Montgolfier konnten den ersten Heißluftballon 1783 in die Lüfte steigen lassen. Die ersten Passagiere waren jedoch keine Menschen, sondern Hahn, Ente und Hammel. Einige Monate später traute sich dann auch ein Mensch in den Korb. Zu einem Transportfahrzeug hat sich der Ballon jedoch nie entwickelt. Er dient Forschern als Möglichkeit, von oben Beobachtungen anzustellen und er ist eine besondere Freizeitbeschäftigung. Erblickt man einen Ballon am Himmel, so ist dies immer eine kleine Sensation. Einen unmittelbaren wirtschaftlichen Nutzen wie das Flugzeug hat der Ballon nicht. Eigentlich ist er überflüssig, die Fahrt mit einem Ballon dient allein dem Erleben und Spaß.

Das Beteiligtsein

In einem Ballon fehlt die schützende Hülle wie in einem Flugzeug, der Wind ist spürbar, das Vorwärtskommen wird nebensächlich, die Winde und die aufsteigenden Lüfte lassen den Ballon nicht eigenwillig fliegen. Es ist ein Zusammenspiel, das aktive und zielgerichtete Bewegen ist einem passiven Zulassen gewichen. Das Aktive ist ein Eingehen auf die Thermik. Zwar lässt sich ein Ballon durchaus lenken, doch ist es nicht möglich, ein beliebiges Ziel zu bestimmen und dorthin zu fahren. Das Ballonfahren ist ein ruhiger Vorgang. Und der Mensch im Korb des Ballons wird zu einem Schauenden. Es hat etwas Meditatives, auf die sich nur sehr langsam verändernde Landschaft zu schauen. Dabei ist der Meditierende quasi in den Betrachtungsgegenstand hineingehängt. Es ist weniger das Gefühl, eine Landschaft von einem fliegenden Objekt aus zu betrachten. Das Objekt Landschaft und das Objekt Ballon werden zu Einem. Ein Flugzeug am Himmel wirkt eher wie ein Fremdkörper, der sich von A nach B bewegt. Heißluft- oder Gasballon sind ein Punkt im Ganzen und die im Korb Mitfahrenden sind quasi Reisende in der Leibhülle einer Landschaft.

Das Gleiten

Flugmanöver als aktives Eingreifen würden nur stören. Das Gleiten beschreibt dieses Fahren mit dem Ballon wohl am ehesten. Eine direkte Steuerung des Ballons ist nicht möglich. Langsamkeit und Stille scheinen zusammenzufallen. Der Blick kann schweifen, die Landschaft wird nur langsam durchfahren. Zwar hat es ein Inder 2005 geschafft, 21 Kilometer über dem Erdboden mit einem Ballon aufzusteigen, doch das dürfte eher als der Wunsch nach Superlativen bewertet werden und nicht als eine Freude am Ballonfahren. Aber auch der Aufstieg in eine extreme Höhe verbleibt in der Leiblichkeit der Landschaft. Die Vorstellungen einer Himmelfahrt, einer leiblichen Aufnahme in den Himmel oder umgekehrt des Landens von Außerirdischen haben mit dem Bewusstsein zu tun, dass die Reduzierung auf die körperliche Dimension unseres Daseins den Raum von Erfahrung und Beziehung blockiert. Körper können sich an der Außenhaut berühren, doch eine Begegnung umfasst mehr: die Annäherung, das Spüren des Anderen, das Hineingleiten in die Sphäre des Anderen, die Reaktion auf Regungen des Anderen, das tatsächliche Berühren und das Entfernen sowie Wiederannähern.

Die Stille

Das ruhige Dahingleiten, der Zustand des Dazwischens, das Wissen um das weitestgehend passive Ausgeliefertsein und der ungestörte Blick, der sich in die Weite erstrecken kann, erzeugen eine Stille, die in einer bewegten Unbewegtheit gegründet ist und Sprache übersteigt. Es ist eine beredte Stille, eine Sprache vor der Sprache und gleichzeitig Sprache übersteigend. Und vielleicht ist in dieser Stille der eigene Körper als eine Art von Metaphysik der Leiblichkeit spürbar, indem er langsam zwischen den Gewalten von Erdanziehungskraft, Thermik und menschlicher Kreativität im Umgang mit diesen Kräften schwebt.

2 Gedanken zu “Ballon fliegen: Berührt, hoch in den Lüften

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