Der geweitete Blick

Ein Wanderer, dem 30 Kilometer und mehr als Tagesetappe nicht zu viel sind, durchschreitet dabei, wenn die Landschaft es ihm bietet, verschiedene Formationen einer Umgebung. Ein Wald behaust anders als eine baumlose Hochebene. Felsen wirken oft bedrohlicher als flache Wiesen und Felder. Den Unterschied kann man ebenso sehen, wenn man mit dem Auto solche Gegenden durchfährt. Auch mit dem Fahrrad lassen sich die Gegensätze wahrnehmen. Das Laufen hat jedoch eine eigene Dynamik. Mit den Füßen ist der Untergrund direkt spürbar. Weniger als beim Fahrradfahren muss man auf seine eigene Fortbewegung achten. Da das Gehen zudem langsamer ist, verbleibt man vielleicht auch intensiver in einer Landschaft. Auf diese Weise erlebt man mit der genügenden Achtsamkeit, wie Landschaften Stimmungen hervorrufen, bestärken oder auch verhindern.

Thomas Holtbernd

Foto: hinsehen.net

Der Mensch ist Leib, das klingt banal, ist jedoch nur schwer verständlich, wenn man versucht, den Unterschied zwischen Körper und Leib zu definieren. Leib, so ließe sich fürs Erste definieren, ist mehr als Körper durch die Empfindungen und Gefühle, die mit diesem erlebt werden. Der Leib ist nicht durch die Körperhülle begrenzt, er steht in einem Wechselverhältnis zwischen einer Instanz, die man Ich oder Bewusstsein nennen könnte, und dem, was dieses Ich als oder durch seinen Körper erfährt. Diese Interaktion kann material nicht erfasst werden, sie ist als Selbsttranszendenz vielleicht am besten beschrieben.

Leib und Raum

Es versteht sich von selbst, dass ein Körper nur Körper ist, weil er als abgegrenzt zum Raum wahrgenommen werden kann. Körper ist ein Objekt in Bezug zum Raum. Der belebte Körper jedoch ist nicht nur ein Objekt in Bezug auf den jeweiligen Raum, sondern raumnehmend. Der Mensch kann sich bewusst im Raum positionieren, den Raum verändern, sich mit seiner Wahrnehmung unterschiedlich auf diesen Raum einlassen. Derselbe Raum kann auf diese Weise durch den Perspektivenwechsel als nicht mit sich identisch empfunden werden. Und umgekehrt nimmt der Mensch wahr, dass er seinen Körper durch den Raum bewegt und seine Bewegungen durch den Raum beeinflusst werden. Ein kleines Zimmer wird anders durchschritten als ein großer Saal. Bei einem großen Platz haben die meisten Menschen die Tendenz, am Rande zu gehen, um sich beschützter zu fühlen. Allein mitten auf einem großen Platz empfinden die meisten Menschen eine gewisse Schutzlosigkeit. Im Wald fühlen sich viele Menschen durch das Blätterdach behaust.

Räume durchschreitend

Im Alltag wird es uns kaum bewusst, wie sehr wir von unserer Umgebung beeinflusst werden. Mittlerweile haben sich Arbeitspsychologen daran gemacht, Richtlinien für die räumliche Gestaltung von Arbeitsplätzen zu entwickeln, Städte- und Raumplaner machen sich Gedanken darüber, wie der urbane Raum gestaltet werden kann, damit sich die dort lebenden Menschen wohlfühlen können. Zusammenhänge zwischen Raum und Gewalt sind mittlerweile keine esoterischen Überzeugungen mehr. Um jedoch die Wirkung von Räumen spüren zu können, muss man verschiedene Räume durchschreiten. Der französische Philosoph Marc Augé zum Beispiel schwärmt von Städteexkursionen mit dem Fahrrad, weil durch die Langsamkeit und die Möglichkeit des individuelleren Erkundens die unterschiedlichen Stadtteile, -viertel, Bauabschnitte, Häuserblocks in ihrer Verschiedenheit viel besser zu erfahren sind.  Der österreichische Philosoph Paul Konrad Liessmann teilt in seiner Hymne an den Fahrradfahrer sein Erschrecken über die Barbarei des Menschen mit, der eine beschauliche Alpenlandschaft mit dem Krach seines Motorrads zerstört. Der Raum wird durch diesen Lärm quasi zerrissen.

Das Gehen als Bewusstseinserweiterung

Wer geht, wandert, pilgert, läuft, sich auf den eigenen Füßen fortbewegt, gerät leicht in eine gewisse Trance, wenn das Gehen durch einen steilen Anstieg nicht zu anstrengend ist. Nach einer Zeit stellt sich ein individueller Rhythmus ein, die Beine bewegen sich ohne Anforderung, die Landschaft rückt körperlich näher, die Füßen spüren die Unebenheiten, beim Waldboden federn die Füße etwas nach. Und da man per pedes nicht ganz so schnell ist, ändert sich das Äußere nur langsam. In der Trance des Gehens wird man in die Landschaft hineingezogen. Stimmungen werden intensiver, weil man ihnen kaum entfliehen kann. Im dunklen Tannenwald kann schnell eine gewisse Furcht entstehen. Geht es nur aufwärts, verengt sich der Blick. Oben auf dem Hügel oder Berg öffnet sich der Blick, eine Erwartung wird erfüllt. Anders ist es, wenn man über eine Hochebene läuft. Man muss keine Anhöhe erklimmen, der Blick ist voraussetzungslos frei. Nach einer Weile des Gehens und dem freien Blick scheint sich der Leib zu weiten. Die Stimmung ist gehoben und frei. Trotz oder gerade wegen der fehlenden Behausung durch Bäume und Sträucher empfindet man eine tiefe Ruhe, die keine Beruhigung ist. Mit jedem Schritt bestätigt sich, dass trotz fehlender Schutzmöglichkeiten nichts passiert. Die Bewusstseinserweiterung stellt sich ein: Man braucht keine engen Grenzen, die Weite befreit. Und dann kommt man wieder zu einem Wald und spürt, es ist schön, behaust zu sein, doch die weite, unbeschützte Ebene hat den Geist geweitet.

Zum räumlichen Erleben sei folgende Lektüre empfohlen: Jürgen Hasse, 2017. Die Aura des Einfachen. Mikrologien räumlichen Erlebens. Freiburg/München: Verlag Karl Alber, 34 Euro

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