Es klopfen Wörter an die Tür

Am Anfang ist das Wort, Schöpfung eines Wesens, das sich ins Gerede bringt. Nach einem der beiden Schöpfungsberichte der Bibel entsteht die Welt durch das Wort Gottes, mit dem das Chaos geordnet wird, in Licht und Finsternis, Land und Meer…. Und schließlich ist der Mensch da, der diese Schöpfung erst zur Wirklichkeit werden lässt, indem er die Dinge benennt, das heißt den Dingen ihre Funktion zuschreibt. Zwar reden die Christen vom Schöpfergott, doch beinhaltet dies, dass die Schöpfung, soll sie gut sein, vom Menschen angenommen werden muss, erst dann ist sie ex-istent. Sprache, verstanden als internalisiertes Sprechen im Prozess der Konstituierung von Identität, ermöglicht dieses Annehmen durch Sinn als Kon-sens.

Thomas Holtbernd

Foto: hinsehen.net

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Der mit Sprache begabte Mensch kann eine Ahnung dieser Gemeinsamkeit seinem Mitmenschen ver-mitteln, und auf diese Weise seine ex-istenzielle Not mitteilen, sich erlösen von der Angst vor dem Nichts. Da jedoch Sprache Mittel ist, wird diese Befreiung von der Angst vor dem Fall, immer be-dingt oder endlich sein, das heißt zwar die Möglichkeit von Verschmelzung andeuten, aber gleichzeitig auch den Schmerz des Alleinseins bewusst machen, denn Sprache, da sie nicht unmittelbar ist, impliziert die Möglichkeit des Nicht-Verstanden-Seins.

Jedes Mal nun, wenn Wörter konzipiert werden als narrative Weitergabe von Erfahrungen, Sichtweisen, Erklärungen und ähnliches, steckt darin die Sehnsucht nach einer über Sprache hinausgehenden Verständigungsmöglichkeit. Zunächst gilt dies für den, der schreibt, dann aber auch für den, der das Geschriebene liest. Henry Miller hat mein Erachtens eine treffende Formulierung hierfür gefunden: „Aber vielleicht ist das Großartigste, was man durch das Lesen von Büchern gewinnen kann, das Bedürfnis, mit seinem Nächsten wirklich zu sprechen.“ Die Frage ist natürlich, wieso muss es gerade ein Buch sein? Kann das Bedürfnis mit seinem Nächsten wirklich zu sprechen, nicht auch durch Film, Hörspiel oder andere Medien geweckt werden? Einen Hinweis findet man bei Thomas Bernhard in seiner Erzählung „Gehen“, wenn man den Weg zur Verrücktheit mitmacht. Thomas Bernhard stellt dem Hören die Lüge gegenüber und dem Sehen das Entsetzen. Wird nun das Entsetzen oder auch Staunen im Film genau vorgezeichnet, so ist der Rezipient auf das Entsetzen angewiesen, wie es derjenige wahrgenommen hat, der den Film gedreht hat. Die Assoziationen sind eingeschränkt und die Lebenslüge des Einzelnen dadurch zum Teil aufgehoben, dass beispielsweise alle das Kino geschockt verlassen oder Tränen in den Augen haben. Die Illusion eines vereinenden Verstehens wird damit geschaffen, die aber eben nur Illusion ist, da die Fantasie des Zuschauers gelenkt wird. Solche Illusionen ermöglichen auf der anderen Seite eine breite „Ansprechbarkeit“, da Auge und Ohr die Informationen aufnehmen.

Beim Lesen muss der Rezipient jedoch die Bilder in seiner Fantasie erschaffen, er sieht dann „seine“ Bilder, die ihn entsetzen und auf diese Weise sein Weltbild oder seine Lebenslüge erschüttern. Dies führt dann zu dem Bedürfnis, das Henry Miller benannte, nämlich mit seinem Nächsten wirklich zu sprechen. Dieses Gespräch enthält das Wissen über die Unmöglichkeit des Antwortgebens, welches voraussetzen würde, eine richtige Frage stellen zu können. Die meisten Psychologen und Psychotherapeuten zum Beispiel bilden sich dies ein, wenn sie aus beobachtbarem Verhalten auf allgemeine Grundsätze schließen, und dann mit ihrer Fragerei und Deutung lediglich ihr Weltbild bestätigen, aber nicht zum Zustand der Gleichgültigkeit gelangen, der der wahre philosophische ist, denn nur in der weisen Sicht, dass jede Frage oder Antwort ein misslungener Versuch einer über Sprache hinausgehenden Verständigung ist, kann sich die Begegnung zweier Menschen ereignen, da nur jenseits der Lebenslüge, das heißt dem individuellen Konstrukt von Welt und seinen inhärenten Täuschungen, das Entsetzen über die Katastrophen in diesem Konstrukt entsteht. Sprache ist aber schon die subjektive Einpassung des Geschauten in ein Transportmittel. Wer sich dessen bewusst ist, der benutzt Sprache als ihre eigene Aufhebung und gleichzeitig als Möglichkeit der Verständigung darüber, dass die Wörter lediglich als Türklopfer dienen und in sich das Bedürfnis tragen, mit dem Nächsten wirklich zu sprechen.
Hierzu bietet das Lesen eine große Chance, es ist in dieser Zeit und diesem Kulturkreis eine der effektivsten Möglichkeiten, das Klopfen zu hören, ohne dass die Wörter wie im Film sichtbar wären und die Tür eintreten. Beim Lesen wird das Klopfen hörbar oder es ist zumindest eine Übung, das Klopfen zu hören. Diese Exerzitien, so sie denn beim Lesen praktiziert werden, führen zu der Gelassenheit, das Gespräch mit dem Nächsten „wirken“ zu lassen und dadurch Sinn als Kon-Sens zu erfahren, denn einen Lebenssinn an sich und Abstraktion mögen vielleicht Philosophen entwickeln, doch mit Sprache begabte Menschen können Sinn, dass Sprache Mit-Teilung ist und jedes Reflektieren über Sinn in Sprache vollzogen wird, eben nur kommunikativ erleben und zum Ausdruck bringen.

Lesen als Weg zur Gleichgültigkeit ist damit die Möglichkeit zu mehr Menschlichkeit, indem sich der Leser seinem eigenen Entsetzen aussetzt und aufgrund der daraus folgenden Erschütterung jedes Konstrukt von Welt als vorläufig und brüchig erkennt, damit aber offen wird für das in Sprache implizierte Bedürfnis nach Sinn als metakommunikatives Handeln.

Zuerst veröffentlicht in Ulcus Molle 1-3, 1988

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