Gebet ist nicht Arbeit

Die Arbeit nimmt dem Gebet die Zeit. Gebetszeiten wie in den Abteien könnten von der Arbeit entlasten. Aber die Arbeitszeit dehnt sich auf Kosten der Gebetszeiten aus. Die Benediktiner haben den Ausgleich mit „Ora et Labora“, also Beten und Arbeiten, in ihrem Tagesablauf verankert. Das ist kein Privileg. Die Arbeit profitiert davon.

Foto: August Dominus, CC BY-SA 4.0

Gebet und Arbeit in Einklang zu bringen, ist eigentlich zuerst Thema der Kirchen. Denn sie sind mit Caritas und Diakonie die größten Arbeitgeber. Das Personal ist motiviert und macht viele Überstunden. Es gibt für jeden eine Arbeitsplatzbeschreibung. Irgendwie wäre es unpassend, Gottesdienste und Meditation auch als Arbeitszeiten zu deklarieren. Gebet gehört jedoch dazu, wenn man Religiosität vertritt. Dabei ist Beten nicht so weit weg von dem Einsatz, den Arbeit auch fordert: Konzentration und ein bestimmtes Seelen-Handwerk. Gebet als Arbeit müsste die Arbeit verändern. Ist das aber bei den Kirchenleuten zu spüren oder sind nicht die Hauptamtlichen der Kirchen vom Termindruck ihrer Arbeitsaufgaben gesteuert? Kann die Ausstrahlung noch stimmen?

Gottesverehrung ist erst mal keine Arbeit

Wenn wir jemandem für eine gute Arbeit danken, legen wir das nicht in dem Ordner „Arbeit“ ab. Wenn wir Gott für unser Leben, seine Schöpfung danken und für die Menschen, die für uns da sind, dann ist das nicht Arbeits-, sondern Festzeit. Wir fühlen jedoch Beten auch als Pflicht, jedoch nicht gleich als Arbeit.

Arbeit sollte die Schöpfung nicht zerstören

Die Schöpfung funktioniert auch ohne den Menschen. Wir sind inzwischen überzeugt, die Schöpfung sei an sich gut gelungen. Erst der Mensch bringt die Natur aus dem Gleichgewicht. Wir richten extra Schutzzonen ein, um sie der Nutzung der Menschen zu entziehen, um sie als „unberührte Natur“ zu erhalten. Wir gestalten nicht mehr wie im Industriezeitalter vorrangig die Natur, sondern die Kommunikation untereinander. Ob daraus eine effektivere Kommunikation erwächst, müsste untersucht werden. Z.B. fuhren die Züge vor der Digitalisierung pünktlicher, so dass heute die Bahn-App deshalb unentbehrlich geworden ist, damit wenigstens die Smartphonebesitzer die Anschlussmöglichkeiten bei Verspätungen besser handhaben können.

Die Arbeit verändert sich, es bleibt der Auftrag der Bibel an den Menschen, Hüter von Gottes Schöpfung zu sein. Das beinhaltet auch Arbeit. Diese Arbeitsaufträge wurden von der Reformation deutlicher in den Vordergrund geschoben. Vor allem die Reformierten, von Johannes Calvin inspiriert, haben Schottland, Holland und die Schweiz mit ihrer religiös fundierten Arbeitsethik zu wirtschaftlichen Erfolgsmodellen gemacht. In ihren Augen gelten die Katholiken mit ihren vielen Festen als zu wenig fleißig.

Aber, so kann man katholisch fragen, hat nicht der Kapitalismus die Arbeit zu einem neuen Motiv für die Rechtfertigung gemacht? Bin ich nicht vor Gott „gerechtfertigt“, wenn ich eine ordentliche Arbeit abliefere und meine Rechnungen zeitnah begleiche? Bei den bezahlten Kräften der Kirche hat die calvinistische Einstellung an Boden gewonnen: Wenn man sich doch für das Werk Gottes aufopfere, sei das doch schon Gebet genug und könne sogar unter der Rubrik „Gottesdienst“ verbucht werden. Es geht um eine neue Synthese.

Nichts soll dem Gottesdienst vorgezogen werden

Der Römer Benedikt von Nursia wuchs in einer Kultur auf, in der die Schreibkundigen Handarbeit für unter ihrer Würde erachteten. Er führte die Handarbeit für die Mönche ein. Die Verbindung von Arbeit und Gebet veranlasste Karl den Großen, die Benediktregel für alle Klöster in seinem Reich vorzuschreiben. Das betraf nicht zuletzt die von Iren gegründeten Abteien, die sich strikter Weltflucht fern der Heimat verschrieben hatten. Das Zusammenspiel von Gebet und Arbeit ist heute genauso überzeugend wie in der Endphase des Römischen Reiches. Nur hat sich das Wechselverhältnis gedreht in „Arbeiten und trotzdem Beten“.

Beten bewahrt vor unnötiger Arbeit

Niemand hat bisher gefordert, das Gebet deshalb zu unterlassen, um sich besser auf die Arbeit konzentrieren zu können. Der schneller gewordene Arbeitsrhythmus verdrängt das Gebet aus dem Tagesablauf. Das liegt auch an der neuen Technik. Im Stahlwerk, an der Drehbank bleibt der Werktätige bis zum Schichtende. Dann macht er Platz für die nächste Schicht.

Den Bildschirm haben wir immer bei uns, als sechstes Sinnesorgan. Da kommen ständig neue Nachrichten, Posts, Statusmeldungen, Chatanfragen. Früher war nur der Newsticker in den Redaktionen 24 Stunden in Betrieb, entsprechend ungesund auch der Journalistenberuf. Heute haben alle ein solches 24-Stundengerät in der Tasche, sind damit Journalisten geworden, ohne Hilfen zu bekommen, wie sie der ständigen Flut standhalten. Burnout, Ermattung ist die logische Konsequenz. Über den kleinen Bildschirm kommen mit verschiedenen Apps Gebetsimpulse an. Eigentlich muss der Onliner diesen zeitlich nur Zeit geben. Aber dann wird Beten zu einem Teil der Informationsverarbeitung. Auch der Gebetspost muss abgearbeitet werden. Es geht um das Befreiende des Betens. Um mehr Befreiung zu erleben, kann man wie die Benediktiner und viele orthodoxe Christen in eine Kirche gehen, dort beten, eine Kerze anzünden.

Dankbarkeit befreit

Ob in einer Kirche, in einem Zug, im Stau stehend, vor dem Einschlafen hilft der Tagesrückblick, Abstand zu gewinnen, Wichtiges zu erkennen, Notwendiges von Überflüssigem zu trennen. Wenn man alles Überflüssige aussortiert, hat man genügend Zeit für das Gebet gewonnen. Geht man morgens nicht mit dem Bildschirm in den Tag, sondern dankt Gott erst einmal für die Sonne, den Atem, dass die Wasserwerke, die Elektrizitätswerke, die Bäcker, die Zeitungsleute schon für einen tätig waren, dann hat man erst mal Gottes Garten in den Blick genommen, ehe man am eigenen Beet weiter werkelt. Dann kann man auch an den Erkenntnissen des Vorabends ansetzen:

  • Warum bin ich in dieser Welt und
  • was ist für heute das Wichtige, das ich zu bieten und auch umzusetzen habe?
  • Auf welche Begegnungen kann ich mich einstimmen?
  • Welche Erledigungen sind heute dran, notwendig, nicht unbedingt wichtig?

Dann blicke ich zu Gott auf, danke für den Platz, den er mir in seinem Garten gegeben hat und bitte um seinen Geist.

Abends schaue ich, wie der Tag gelaufen ist. Mit der Zeit entdecke ich, dass mehr drin war, als ich morgens voraussehen könnte, jemand bringt eine Idee, ein anderer, der erst nicht mitmachen wollte, sagt überraschend zu, ein Antrag wird genehmigt.
Regelmäßige Zeiten für Gebet und Reflexion dämmen die Arbeit ein.

Eckhard Bieger S.J.

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