Gesuch des Judas um Rehabilitation

Judas gilt als derjenige, der Jesus ans Kreuz ausgeliefert hat. Muss man das so sehen? Das Gesuch des Judas ist aufgeschrieben von Thomas Holtbernd.

Liebe Gläubigen und Ungläubigen,

mein Name ist Judas Iskariot. Sie kennen meine Geschichte oder Sie meinen, meine Geschichte zu kennen. In die Geschichte bin ich als Verräter eingegangen, man sagt mir nach, ich habe durch einen Kuss Jesus quasi ans Kreuz geliefert, eine solche Tat nennt man heute Judaskuss. Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Ich bin eine Konstruktion. Verrat passt gut in eine Erzählung vom Erlöser. Meinen Namen finden Sie in den Briefen des Paulus nicht. Und das sind die ersten Zeugnisse. Die Evangelien wurden viel später aufgeschrieben. Die Evangelisten haben Geschichten geschrieben, die in ihre Erzählungen passten. Ich soll für den Verrat Geld bekommen haben, 30 Silberlinge. Ich soll nach Matthäus dieses Geld sogar gefordert haben. Der Evangelist Markus, übrigens früher geschrieben als Matthäus, schreibt dagegen, mir sei dieses Geld angeboten worden. Wissen Sie, 30 Silberlinge waren damals nicht sonderlich viel Geld. Warum sollte ich dafür eine solch schändliche Tat begehen?

Ich verlange meine Rehabilitation und ich sage Ihnen auch warum. Wie Sie wissen oder wahrscheinlich nicht wissen, sind die 30 Silberlinge ein klares Indiz dafür, dass die Evangelisten mir den Verrat angedichtet haben. Wenn man die Geschichte des Christentums erzählt, dann geht es darum, dass sich die Zeit erfüllt hat, dass die Geschichte des Alten Testaments oder ersten Testaments, wie es einige formulieren, zum glorreichen Ende gekommen ist. Die Evangelisten kannten die Schriften und haben dann ihre Erzählungen so konstruiert, dass es passt. Sowohl mein vermeintlicher Verrat als auch mein Freitod durch Erhängen hatten Vorbilder in der Tradition. Sacharja 11,4-14 wird vom Hirten berichtet, der sich um das Volk kümmern wollte, er scheitert, ihm werden von den anderen Schafhirten 30 Silberstücke gegeben, um ihn sich vom Hals zu schaffen. Die Schuld wird hier nicht beim Hirten gesehen, sondern bei den anderen Schafhirten. Ebenso ist es nicht mein Verrat, sondern der Verrat der Hohenpriester. Auch mein angeblicher Selbstmord hat einen Vorläufer in der Tradition, der Vertraute Davids, Ahitofel erhängte sich, nachdem er sehen musste, dass der Verrat an seinem Herrn ohne Erfolg blieb (2 Sam 16,20-17,23). Matthäus erzählt den Verrat durch mich, um eigentlich den Verrat der jüdischen Oberen anzuklagen. Später hat man dann nur noch mich als den großen Verräter gesehen. Judas ist quasi das Wort für Verrat, obwohl historisch die ganze Geschichte gar nicht verbürgt ist.

Ich bin also eine Person, die in die Erzählung vom Erlöser sehr gut passt. Aber auch das wäre mir als Genugtuung noch zu wenig. Ich will mehr. Ich will, dass Sie verstehen, warum die Evangelisten mich, Judas, als Verräter beschrieben haben und warum es theologisch ganz anders ist, als Sie vielleicht denken. Also, die Dramaturgie in den Evangelien macht es notwendig, dass Jesus als der Heilsbringer ausgeliefert oder verraten wird, dazu braucht man jemanden und das verschärft die Dramaturgie, jemanden aus dem inner circle. Ich war ja einer der Apostel. Die Spannung steigt, wenn vorher schon erzählt wird, dass einer Jesus verraten wird. Alle rätseln herum und wie bei einem Krimi kommt dann später die Auflösung. Ohne mich gäbe es die Kreuzigung also gar nicht. Ich bin im Drama eine wichtige erzählerische Figur, ein Stilmittel, wenn Sie so wollen. So weit so gut. Es geht noch um mehr.

Im allgemeinen Verständnis ist Verrat etwas, was moralisch negativ belegt ist. Ich und mein Schicksal zeigen auf, dass Verrat nicht allein in Bezug auf die Person des Verräters betrachtet werden kann. In der Dynamik einer Gruppe, die sich bildet, ist der Verrat an dem Kopf dieser Ansammlung Einzelner ein bedeutender Schritt hin zur Etablierung sowohl der Gruppe als auch des Idols dieser Gruppe. Und zum Mythos einer Gemeinschaft gehört der Verrat. Auf diese Weise wird den Mitgliedern deutlich, dass es etwas zu schützen gilt, weil es Menschen gibt, die entweder als Konkurrenten zum Gründer auftreten oder die Idee nicht verstehen. Umso wichtiger werden Idee und Gründer. Helmut Gollwitzer schrieb sogar, ich wäre an Jesus irregeworden. Zur Erzählung über die Anfänge gehört die Episode über die Bedrohung. Auf diese Weise bildet sich ein Gründungsmythos, der im Verräter die Projektionsfläche für die eigenen Zweifel an Idee und Gründer dieser Gruppe bildet. Der Verweis auf die Verdammnis des Verräters, „Doch weh dem Menschen, durch den der Menschensohn verraten wird. Für ihn wäre es besser, wenn er nie geboren wäre.“ (Mk 14,21b) ist als Erzählung die Warnung an die Mitglieder der Gruppe, den Gründungsmythos nicht aufklären zu wollen, denn dann würde sich möglicherweise zeigen, dass es gar keine historischen Belege für den Verrat gibt und es nur für die Erzählung notwendig ist, die Figur eines Verräter einzuführen.  Der Zusammenhalt einer Gesellschaft ist darauf gegründet, dass etwas verraten werden kann, denn nur so kann diese Gemeinschaft glauben, dass sie etwas hat, was vor dem Verrat zu schützen ist. Was dies ist und ob es das überhaupt gibt, ist eigentlich zweitrangig. Im Christentum ist das zu Schützende erst im Pfingstereignis zum gruppenbildenden Status geworden. Erst die Auferstehung und die Gewissheit oder der Zuspruch von der Auferstehung machte es notwendig, die Geschichte von vor Pfingsten zu erzählen. Diese Geschichte ist aber nicht mehr historisch, sondern schon Ergebnis mythenbildender Erzählungen.

Es scheint offensichtlich zu sein: Ohne Verrat geht es nicht. Die Evangelien schildern es als ein notwendiges Element der Geschichte. Jesus weiß darum, er deutet es beim Abendmahl an, doch er deckt es nicht weiter auf. So fürchterlich es auch klingen mag, Jesus ließ es darauf ankommen, dass ich, Judas, ihn verrate und dann Selbstmord begehe. Ein Offenlegen den hätte Ablauf der Geschichte nicht verändert, ihn allenfalls verzögert.

Und jetzt sage ich Ihnen etwas ganz Wichtiges, was Sie mich und meine Rolle möglicherweise ganz anders sehen lässt. Ich habe diesen „dreckigen Job“ gemacht. Keiner hat den Mut dazu gehabt. Petrus, dieses Weichei, entschuldigen Sie, aber das musste mal sein, hat Jesus verleugnet, dreimal sogar. Und das soll nicht genauso schlimm sein? Ein Exeget aus der ehemaligen DDR, Traugott Holtz, hatte das erkannt und geschrieben, Petrus und Judas müsse man auf die gleiche Stufe stellen. Ich habe das Anliegen Jesu verstanden und eine große persönliche Reife bewiesen. Ich habe getan, was getan werden musste. Ich habe meinen Mann gestanden. Ich habe getan, was Jesus getan hat. Ich habe mein Leben für die Sache hingegeben. Ich bin vor Jesus quasi ans Kreuz genagelt worden. Ich hatte gar keine andere Wahl, ich musste mich erhängen. Den Erlöser, den Retter kreuzigt man. Ich aber musste selbst das selber tun. Das ist eine Einsamkeit, die Sie sich kaum vorstellen können. Aber ich habe es für die Sache getan. Ich habe im Gegensatz zu Petrus gewusst, dass Jesus anders ist als ich. Ich bin ein Mensch, der nur scheitern kann, wenn er eine solche Aufgabe übernimmt. Ich bin nicht wahrer Mensch und wahrer Gott. Meine Geschichte musste so dramatisch ausgehen, bzw. so erzählt werden, damit deutlich wird, dass Jesus Gottes Sohn ist. Jeder, der meint, wie Gott zu sein oder wie Gottes Sohn, muss so enden wie ich. Ich wusste all das. Und das wusste auch Jesus. Deshalb hat er beim letzten Abendmahl geschwiegen. Die anderen hätten mich gelyncht, die hatten ihre Gefühle nicht unter Kontrolle, wie dieser Petrus, der dem Soldaten ein Ohr abschlagen hat. Ich habe das gewusst und Jesus stand mir bei. Ich habe gewusst, dass nur Gottes Sohn auferstehen wird und die Geschichte des Christentums beginnt. Jeder, der sich zum Märtyrer macht, hat die Botschaft nicht verstanden. Ich bin kein Märtyrer, ich bin kein Opfer. Ich habe für die Sache Jesu gekämpft und nicht nur mit meinem Leben dafür bezahlt, sondern auch noch damit, dass über Jahrtausende so schlecht über mich erzählt wurde. Ich werde weiter dafür kämpfen, dass die Sache Jesu weitergeht und werde immer wieder erklären, wie wichtig meine Handlung war und welch große theologische Bedeutung sie hatte: Nur Jesus ist wahrer Mensch und wahrer Gott. Nur nach Jesus Christus gibt es die Auferstehung der Menschen, ich aber bin noch ein Mensch vor der Kreuzigung. Deshalb ist mein „Opfertod“ so tragisch. Das gilt jedoch nur für die Erzählung, da muss das dramaturgisch so sein. Als konkreter Mensch hat mich Jesus schon beim Abendmahl gerettet, indem er auch mit mir Brot und Wein teilte, und nur deshalb hatte ich die Kraft, meine Aufgabe zu erfüllen.

Denken Sie nun, was Sie wollen. Rehabilitieren Sie mich oder nicht. Ich weiß, dass mein Erlöser mir in meiner tiefen Einsamkeit die Hand gereicht und mich aus diesem tiefen dunklen Loch gezogen hat. Und es ist ein kleiner Trost für mich, dass mein Bekanntheitsgrad mindestens so groß ist wie der von Petrus.

Leben Sie wohl und leben Sie in Christus.

 

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