Zur Phänomenologie von Bildung

Denkt man an Bildung in der Nacht, so ist man um seinen Schlaf gebracht. Lehrer klagen darüber, dass sie durch Vorgaben der Ministerien von einem lebendigen Unterrichten abgehalten werden und sich immer wieder den Anforderungen von Seiten der Politik stellen müssen. Eltern klagen dagegen über die schlechten Lehrer, haben aber auch Verständnis: Die Lehrer leiden auch unter der Schulpolitik. Der Bologna-Prozess wird nur von einigen Versprengten als eine positive Entwicklung gepriesen. Und wenn schon Schule und Hochschule ihren Bildungsauftrag nur unzureichend erfüllen, so setzen zumindest konservative Politiker auf die Familie, in der – wie sie meinen – die Grundlagen für eine gute Bildung gelegt werden. Bei dieser Beschränkung auf Schule und Familie wird völlig übersehen, dass ein ganz wesentlicher Faktor von Bildung das öffentliche Leben ist, das, was dem Bürger jeden Tag ganz offensichtlich begegnet und ihn formt, prägt und damit bildet.

Thomas Holtbernd

Non scholae, sed vitae discimus hieß es einmal und war eine Kritik an den Bildungseinrichtungen, die bereits Seneca äußerte. Also nicht für die Schule, sondern für das Leben soll gelernt werden. Dass Schule immer hinter den Idealen zurückbleibt, ist quasi zwingend, da Bildungsziele allgemein formuliert werden müssen und die Lerneigenart von Schülern nicht berücksichtigt werden kann. Immer gibt es auch den Konflikt zwischen dem, was für den Einzelnen sinnvoll erscheint und dem, was eine Gesellschaft als Bildungsvoraussetzungen zum Beispiel für den Arbeitsmarkt benötigt. Dass aber Schule eine entscheidende Rolle für Bildung innerhalb einer Gesellschaft insgesamt spielen soll, ist eng mit der Schulpflicht verbunden, die für Deutschland 1919 in der Weimarer Verfassung festgeschrieben wurde. Die Verantwortung für Bildung übernahm der Staat, die Familie wurde entlastet. Jeder Bürger wurde nun durch Schule gebildet. Alle bekommen vermittelt, was als Bildungskanon festgelegt wurde.  Für Kinder ist die Schulzeit ein bestimmender Faktor in der Entwicklung geworden.

Kultur und Bildung

Auch wenn die Schule einen großen Teil der Bildungsaufgabe übernimmt, werden durch die Familie und das kulturelle Leben einer Gesellschaft Werte wie auch Fertigkeiten, Interessen u. a. geweckt, geformt und geprägt. Die Religionen bzw. die Kirchen waren über Jahrhunderte maßgeblich an diesem Prozess beteiligt. Museen, Theater, Kinos, Musikveranstaltungen, Vereine, Gesellschaften usw. sind ebenso „Lehrer“ wie die Schulen. Werden solche Einrichtungen finanziell nicht gefördert, hat dies einen starken Einfluss auf das Bildungsniveau einer Gesellschaft. Schule und Kultureinrichtungen stehen in einem Wechselverhältnis. Schafft der schulische Unterricht nicht die Voraussetzungen für das Verständnis und Interesse von Musik, Kunst usw., haben es diese Einrichtungen schwer, ihre Wichtigkeit für eine Gesellschaft zu verdeutlichen. Sind kulturelle Einrichtungen zu elitär und abgehoben, kann nicht verstanden werden, wie eng Kultur und Bildung verbunden sind.

Familie und Bildung

Der erste Ort, an dem der Mensch Bildung erfährt, ist wohl die Familie. Wie diese zusammengesetzt ist, spielt dabei zunächst keine Rolle. In der Familie ist Bildung eingebettet in die Beziehungsstruktur. Persönlichkeitsbildung und die Vermittlung von Wissen sind kaum getrennt. Den meisten ist im Familienalltag wohl nur selten klar, dass und was sie gerade an Bildung vermitteln. Es dürfte relativ gut gesichert sein, dass die später erreichte Schulbildung von der sozialen Herkunft und damit der Familie abhängt.

Bildung als Phänomen

Ist in der Familie nur schwer auszumachen, was dort an Bildung vermittelt wird, so ist durch das Curriculum eindeutig zu sehen, was unterrichtet wird. Kann durch die Familie oder die Herkunft recht genau vorausgesagt werden, welchen gesellschaftlichen Status ein Mensch erreichen wird, so bilden Schule und Hochschule zwar die Voraussetzungen für gewisse gesellschaftliche Positionen, doch kann auch jemand durch unternehmerisches Geschick zu Geld und Ansehen gelangen. In gleicher Weise ist es möglich, dass jemand im Selbststudium einen hohen „Bildungsgrad“ erreicht. Um Bildung als ein Ganzes in einer Gesellschaft betrachten zu können, ist es notwendig, vom Ergebnis der Bildungsbemühungen auszugehen und diese zu analysieren. Ebenso müssen Aspekte berücksichtigt werden, die außerhalb von Schule und Familie auf den Menschen einwirken.

Das Auto erzwingt Lernen

Provokativ könnte man sagen, dass das Auto in der westlichen Welt – und wohl nicht nur dort -, der bedeutendste und mächtigste Lehrer ist. Schnell lernt ein Kind, dass ein Auto Vorfahrt hat. Es darf nicht auf die Straße rennen. Es gibt Ampelanlagen, damit geregelt wird, wann ein Fußgänger über die Straße gehen kann. Und selbst dann muss der Fußgänger noch sehr umsichtig sein, um nicht überfahren zu werden. Überall gibt es Straßen für das Auto. Autobahnen durchschneiden Städte und machen den Weg zum nächsten Schulfreund manchmal sehr weit. Der Lärm der Autos übertönt das Vogelgezwitscher. Später lernt das Kind, dass sehr viele Arbeitsplätze an der Autoindustrie hängen. Das Auto lehrt uns, wie wir uns zu verhalten haben. Die Wichtigkeit von Regeln für das gemeinschaftliche Leben wird durch den Straßenverkehr erkannt. Menschen investieren viel Geld für so ein Gefährt, sparen bei der Ausgabe für Bücher, Konzertbesuche u. ä. Die Automobilität, so lernt der Heranwachsende, ist an den Besitz eines Autos gebunden. Wer einen Arbeitsplatz sucht, benötigt dafür oft einen Führerschein oder erreicht seinen Arbeitsplatz ohne Auto gar nicht.

Bildung aus einer anderen Perspektive

Ebenso wie das Auto unseren Alltag wesentlich bestimmt, sind es Gebäude, städtebauliche Maßnahmen, Geschäfte und die Öffnungszeiten, Fernsehen, digitale Medien, Sportveranstaltungen usw. Die Begegnung mit diesen Ereignissen bildet den Menschen, er eignet sich häufig unbewusst ein Wissen über Architektur, Ästhetik oder Umgangsformen an, auch wenn er nicht in der Lage ist zu verbalisieren, was er gelernt hat. Ein Gebäude ist in ähnlicher Weise wie ein Curriculum das Ergebnis einer Auseinandersetzung mit als wichtig erachteten Bildungsinhalten. In einem Gebäude, einem Auto usw. erscheint, was eine Gesellschaft als Ideal erachtet. Der Unterschied zu einem Curriculum besteht darin, dass man zum Beispiel bei einem Gebäude den Bildungsinhalt erschließen muss, während im Curriculum genau formuliert ist, was gelernt werden soll. Wie stark dabei jedoch der Einfluss auf die Bildung ist, ist damit noch nicht bestimmt.

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