Es gibt ihn nicht mehr, den Arbeiter!

Im Ruhrgebiet gab es mal den richtigen Arbeiter. Der war im Pütt oder Stahlwerk beschäftigt und man konnte sich vorstellen, wenn sein starker Arm es will, stehen alle Räder still. Diesen Arbeiter gibt es nicht mehr. Heinrich Peuckmann und Gerd Puls haben nun im Assoverlag ein Buch mit Texten herausgegeben, die den neuen Arbeiter beschreiben und den es vielleicht auch bald nicht mehr gibt, weil Roboter die Regie übernommen haben.

Thomas Holtbernd

Der Arbeiter aus früheren Zeiten lebte im Kohlenpott. Oder dort, glaubt man heute, habe er vor allem gelebt. Seine Welt war der Pütt, das Stahlwerk oder riesige Fertigungshallen. Er hatte eine eigene Kultur entwickelt. So ein Arbeiter schrieb sogar Literatur. Kurt Küther aus Bottrop war so einer, der fest mit der Arbeiterliteratur verbunden ist. Der Assoverlag hatte vor vielen Jahren seine Texte veröffentlicht. Kurt Küther ist 2012 gestorben. Nicht nur ihn gibt es nicht mehr, auch der Bergmann fährt bald die letzte Schicht ein. Der Titel „Schichtwechsel“, den die Herausgeber ihrem Buch gegeben haben, verweist auf diese Veränderungen im Arbeitsleben. Es gibt nicht nur einen Schichtwechsel am Arbeitsplatz, es gibt einen deutlichen Wechsel der Arbeitsbedingungen, aber auch der Kultur der Arbeit.

Liest man die Texte, so fällt auf, dass die Arbeit nicht mehr so sehr nach Arbeit riecht. Es sind nicht Dreck und Schweiß, die als typisch beschrieben werden. Das mag einmal daran liegen, dass die Autoren fast allesamt eine solche Arbeit gar nicht kennen. Es schreibt nicht ein Kurt Küther, der tatsächlich Bergmann war. Die soziale Schere mag sich auch hier zeigen. Menschen, die tatsächlich noch richtige Drecksarbeit machen, können nicht mehr schreiben, weil sie entweder keine ausreichende Schulbildung haben oder schlichtweg körperlich so erschöpft sind, dass sie die Kraft nicht haben, um sich als Arbeiter zu reflektieren. Gerd Puls macht sich daher mit der Erzählung „Globale Geschichte“ zum Sprachrohr für diese ausgelaugten und verratenen Arbeiter. Er nutzt das tatsächliche Ereignis der Textilfabrik in Pakistan, die abgebrannt war und deren Hauptkunde ein Unternehmen aus Bönen war. Die Schicksale von Frauen werden gegenübergestellt und eindringlich deutlich gemacht, dass es ein unreflektiertes Kaufen im globalen Zeitalter nicht mehr geben darf. Gleichzeitig wird deutlich, wie schrecklich egal den Reichen das Schicksal der Arbeiter ist. Die Wirklichkeit der Fabriken in Pakistan oder Indien muss jedoch auch in den westlichen Ländern eine reale Dimension erhalten, damit sich ein Verständnis für diese Missstände entwickeln kann.
Heinrich Peuckmann beleuchtet dagegen aus der Perspektive einer Frau an der Kasse eines Supermarkts die Welt der Einsamen. Kunden, die erzählen wollen, weil sie sonst niemanden haben. Es ist eine Milieustudie, die in Gegenüberstellung zur Erzählung von Gerd Puls deutlich macht, dass es möglicherweise einen Zusammenhang gibt zwischen der Ausbeutung der Arbeiter in pakistanischen Fabriken und der Vereinsamung in der westlichen Welt.

Auch andere Texte in diesem Buch kreisen um eine Form der sozialen Verelendung in unserer Gesellschaft. Regula Venske kümmert sich in ihrem Text um zwei Gestalten, die dem Alkohol ergeben sind, aber auch in einer geordneten Welt leben wollen. Sie legt die Erzählung dabei so an, dass der Leser zunächst getäuscht wird und glaubt, es würden geordnete Verhältnisse beschrieben. Zum Schluss bleibt die Sehnsucht nach einer guten Beziehung. Eine solche beschreibt auch Jan Decker. Der Lehrling, der einen väterlichen Freund meint gefunden zu haben, muss später erkennen, dass dieser Freund ein übles Geheimnis hat.
Es sind auch bei den Texten von Hermann Schulz, Alfred Behrens, Josef Haslinger, Matthias Biskupek und Karl Otto Mühl Zustandsbeschreibungen von Beziehungen, die durch Arbeitsbedingungen oder die Arbeit generell beeinträchtigt werden.

Die Erzählung von Christine Nagel fällt aus diesem Duktus heraus. Sie versetzt den Leser in eine vorausschauende Erzählung. Was passiert, wenn der Mensch sich als Maschine dupliziert? Was ist der Mensch eigentlich noch in dieser veränderten Arbeitswelt? Und genau deshalb lohnt sich die Lektüre dieses Buches. Es ist notwendig, den „Schichtwechsel“ zu begreifen und die Idealisierung der Arbeiter, wie sie bei einem Kurt Küther vielleicht noch möglich war, aufzugeben.

Heinrich Peuckmann, Gerd Puls (Hrsg.), 2017. Schichtwechsel. Poetische Schlagwetter. Erzählungen über Arbeit. Oberhausen: Assoverlag. 9,90 Euro

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