Lächeln und das revolutionäre Lebensgefühl

Jedem erscheint es offensichtlich, dass ein Lächeln Ausdruck von Freude oder Freundlichkeit ist. Es wird positiv bewertet und man ist sich sicher, dass es so etwas wie das Lächeln schon immer gegeben hat. Doch dieses Denken ist ohne den Zahnarzt gedacht. Ein Phänomen wie das Lächeln galt lange Zeit nicht als aristokratisch, man beherrschte sich, um durch seine Mimik nichts von seinem Wesen zu verraten.

Thomas Holtbernd

Wir sind uns oft nicht dessen bewusst, was wir aufgrund der konkreten aktuellen Situation für selbstverständlich halten. Die geschichtlichen Zusammenhänge sind uns nicht präsent und wir halten unser Denken über ein Phänomen wie das Lächeln für eindeutig. Wir glauben, es sei für jeden verständlich, wenn wir ein Lächeln in unser Gesicht bringen. Mit dem Lächeln und dem Lachen sowie Freude und Heiterkeit haben sich allerdings nur wenige Philosophen und Wissenschaftler beschäftigt, obwohl es uns anders vorkommt. Selbst die Begrifflichkeiten sind sehr unterschiedlich genutzt worden und oft werden Komik, Witz, Humor, Lachen, Freude gar nicht unterschieden.

Quedlingburg-Nicolaikirche Foto:hinsehen.net

Lachen als starke Form des Lächelns

Aristoteles behauptete, dass die Fähigkeit zum Lachen den Menschen vom Tier unterscheidet. Diese These wurde die Jahrhunderte hindurch immer wieder vertreten. Verhaltensforscher seit Charles Darwin leiten das menschliche Lächeln und Lachen von den Beobachtungen ab, die sie bei Tieren machen. Die Erforschung der Primaten ließ den Schluss zu, dass ein Lächeln eine Form der Sympathiebekundung ist, während das Lachen als Aggressionsbremse bezeichnet wird. Die meisten Geisteswissenschaftler interpretieren dennoch das Lachen als eine starke Form des Lächelns. In der Philosophiegeschichte wurden Lächeln und Lachen kaum unterschieden, sondern als Reaktion auf etwas definiert. Die eine Richtung ging von der Überlegenheitshypothese aus, man lacht also, weil man sich größer fühlt. Die andere Richtung formulierte die Inkongruenzhypothese, wir lachen, weil etwas unstimmig ist, unerwartet als Pointe präsentiert wird. Wenn aber das Lachen ein Ausdruck von Überlegenheit oder Inkongruenzerfahrung ist, dann ist die eigentliche Leistung durch den Verstand bedingt. Damit wäre das Kriterium, was den Menschen vom Tier unterscheidet, der Verstand und weniger der Ausdruck. Bedenkt man ferner, wie sehr die griechische Philosophie eine Lehre von Disziplin und Beherrschung ist, dann lässt sich mit der Auffassung von Lächeln und Lachen als verschiedene Stärken des Ausdrucks leichter die Ansicht vertreten, dass ein „gesitteter“ Mensch nur lächelt und nicht ins ordinäre oder tierische Lachen abgleitet. Aus diesem Grund sprach sich Sokrates dagegen aus, dass am Symposium Spaßmacher teilnahmen und ihre Witze erzählen. Dass es solche Witzbolde gab, wissen wir vom „Philogelos“, einer Sammlung antiker Witze. Sokrates entwickelte eine Philosophie des rechten Maßes, daher sah er es auch nicht gerne, wenn jemand mal einen über den Durst trank. Die Möglichkeit der Ekstase als eine Form des Erkennens zu bestimmen, ist bis heute nicht opportun.

Zucker machte eine Zeitlang das Lachen lächerlihc

Die Kirchenväter machten das Lachen zu einer Angelegenheit des Teufels. Bei offenem Mund kann der oder das Böse in den Menschen eindringen und daher ist allenfalls das keusche Lächeln bei geschlossenem Mund erlaubt. Als Argument wurde vorgebracht, dass Jesus zwar geweint habe, aber gelacht habe er nie. Woher die Kirchenväter das gewusst haben wollen, bleibt ihr Geheimnis. Als einzige Quelle hierfür gaben sie die Bibel an. In späteren Jahrhunderten war die theologische Argumentation nicht mehr so bedeutend. Es wurde nicht gelächelt oder gelacht, weil das ziemlich jämmerlich aussah, da durch den Zucker, der infolge der Kolonisation auf den Speiseplan kam, die Zähne verfaulten. Das war die große Zeit der Zahnbrecher, die wie Gaukler über die Lande zogen und den Leidenden die Zähne brutal herausbrachen. Erst der praktische Arzt Pierre Fauchard begründete die wissenschaftliche Zahnheilkunde. Jetzt konnten zumindest diejenigen, die Geld hatten, ihre Zähne behandeln lassen und Vorsorge betreiben. Wenn die behandelten Menschen ihre Lippen öffneten und die Zähne zeigten, so war dies nicht mehr ein schrecklicher Anblick. Es kam eine neue Empfindsamkeit auf, das Lächeln wurde zu einem Ausdruck der Persönlichkeit. Französische Revolution, die neue Empfindsamkeit und das Lächeln bildeten eine gemeinsame Dynamik. Allerdings war kurz nach der Revolution das starre Gesicht, das Überlegenheit ausdrücken sollte, wieder modern. Die lächelnde Revolution war beendet. Erst im 20. Jahrhundert kam es zu einer Renaissance des Lachens und Lächelns. Die Auseinandersetzung mit diesen beiden Phänomenen gilt bei vielen Wissenschaftlern jedoch immer noch als ein nicht ganz ernstzunehmendes Thema. In der Philosophie ist „Lachen und Weinen“ von Helmuth Plessner z. B. die einzige Monographie zu diesem Phänomen geblieben.

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