Musik und Stimmung

Dass Musik eine Stimmung erzeugen kann, ist banal. Weniger simpel ist die Frage, welche Bedeutung Stimmung für den Menschen hat. Will ein Mensch eine Entscheidung treffen, kann er rational viele Möglichkeiten durchgehen. Doch wirklich eine Abwägung aller Eventualitäten und Argumente in toto vorzunehmen, würde einen Menschen völlig überfordern. Stimmungen führen dagegen zu einer emotionalen Einengung oder dem gefühlsmäßigen Aufladen bestimmter Argumente. Die unendliche Berücksichtigung aller Alternativen wird somit begrenzt und es kann zu einer Handlung kommen.

Thomas Holtbernd

Die Ausweglosigkeit bei der Suche nach einer richtigen Entscheidung, zeigt sich bei dem Experiment, die Welt als Gott lenken zu wollen. Hätte man die Macht, wie Gott in das Weltgeschehen einzugreifen, wird man beim Nachdenken über die Konsequenzen und Auswirkungen einer simplen Handlung schnell an seine Grenzen stoßen. Die Komplexität ist zu groß, um eine Entscheidung so fällen zu können, dass alle ungewünschten Effekte ausgeschlossen werden.

Gefühle und Verstand

Der Verstand ist nicht unabhängig vom Unbewussten. Zu glauben, dass eine Handlung allein rational gelenkt sei, ist naiv. Wäre der Verstand in der Lage, eine richtige Entscheidung zu treffen, dann wäre genau dieser Umstand die Negation des freien Willens. Die Tatsache, dass etwas nicht eindeutig oder logisch vollkommen überzeugend sei, schafft einen Möglichkeitsraum, in dem überhaupt erst von Freiheit geredet werden kann. Ob es Freiheit wirklich gibt, ist damit noch keineswegs geklärt. Über die Potenzialität der Freiheit lässt sich reden, über die Freiheit als solcher muss man womöglich schweigen.

Stimmungen

„Stimmungen stellen eine Realität eigener Art dar, die als Reflex auf Lebensumstände und Systembedingungen nur unzureichend begriffen werden.“ Mit dieser Definition des Soziologen Heinz Bude verlässt man den individuellen Kontext. Stimmung ist mehr als eine subjektive Empfindung, sie ist ein Aspekt der Dynamik bei gesellschaftlichen Entwicklungen. Musik ist daher nicht schuldlos. Wenn Musik Stimmungen herstellt, dann ist es die Verpflichtung derer, die Musik komponieren und spielen, den Einfluss ihres Tuns auf die allgemeine Stimmung einer Gesellschaft zu bedenken. Es mag zwar sein, dass eine politische Intention nicht gegeben ist, dennoch kann es eine Wirkung auf gesellschaftliche Entwicklungen geben. Kunst ist nicht schuldfrei, wie es naive Geister meinen mögen. Wer – um es provokativ und polarisierend zu formulieren – Schlager singt, der muss mitbedenken, dass er mit dieser Vereinfachung einer Stimmung auch die Denkweise  der Rezipienten formt oder die vorhandenen Tendenzen zur Vereinfachung stabilisiert. Gute Kunst, so darf man es formulieren, fordert eine komplexere Stimmung. „Gute“ Musik ist eine Herausforderung nicht nur an die Hörgewohnheiten, sondern auch an die durch die Musik hervorgerufene Stimmung.

Empathie

Das Wahrnehmenkönnen oder die Fähigkeit, sich in andere oder Stimmungen hineinzuversetzen, wird gemeinhin als Empathie beschrieben. Empathie als solche ist noch keine ethische Kategorie, denn ein Psychopath hat ein hohes Maß an Einfühlungsvermögen haben, er spürt dabei jedoch kein Mitgefühl und kann daher ohne Hemmungen die Menschen ausnutzen, in die er sich hineinversetzt. Der Effekt von Empathie ist in jedem Fall gegeben, wie es Fritz Breitkopf schreibt: „Durch Empathie leben wir in mehr als einer Welt.“ Der Gewinn der Empathie besteht in einer Komplexitätssteigerung, denn durch die geschärfte Wahrnehmung gewinnt der empathische Mensch die Erkenntnis, dass „kein Gefühl schlicht ein Gefühl ist, sondern auf unterschiedliche Art und Weise erfahren werden kann.“

Stimmung, Empathie, Musik

Eine Stimmung kann recht willkürlich und zufällig sein, Kunst und Musik allerdings zielen bewusst darauf ab, dass Stimmungen und Gefühle erzeugt oder verstärkt werden. Opern- oder Filmmusiken betonen und deuten die gezeigten Handlungen, bei einer Liedvertonung wird der Text durch die Musik interpretiert. Dies bedeutet, dass die gewünschten Affekte gesteuert sind. Komponisten und Musiker benötigen hierzu eine große Empathie, die sich sowohl auf das emotionale Erleben des Einzelnen bezieht, aber auch auf die Stimmung, die als Zwischenraum erzeugt wird. Kunst und Musik können daher nicht ausschließlich unter ästhetischen Gesichtspunkten bewertet werden. Die affektive Steuerung zielt auf eine bestimmte Selbstformung hin, die trotz ihrer großen Komplexität und Uneindeutigkeit eine ethische Dimension hat. Diese besteht jedoch nicht darin, dass ein Kunstwerk oder Musikstück gut oder schlecht ist, sondern darin, dass das Selbst durch die affektive Stimulierung und Reizung durch die Stimmung zu einer Weiterentwicklung angestoßen wird. Wie das zu denken ist, scheint bislang nur wenig erforscht worden zu sein.

Zur weiteren Lektüre empfohlen:
Heinz Bude, 2016.       Das Gefühl der Welt. Über die Macht der Stimmungen. München: Hanser
Fritz Breithaupt, 2017. Die dunklen Seiten der Empathie. Berlin: Suhrkamp
Stefan Zwinggi, 2016.  Musik als affektive Selbstverständigung. Eine integrative Untersuchung über musikalische
Expressivität. Freiburg München: Verlag Karl Alber

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