„Das Reich Gottes“: E. Carrères postmoderner Roman

„Das Reich Gottes ist nahe“ verkündet Jesus in den Evangelien. Gefühlt scheint es sich im Lauf der Geschichte nach Meinung vieler eher zu entfernen. Emmanuel Carrère schreibt nun in seinem Buch „Das Reich Gottes“ genau über diese Spannung von Hoffnung und Enttäuschung, von Glaube und Zweifel, von Bekehrung und Abkehr. 

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Postmoderne Unsicherheit

Der Philosoph Jean-François Lyotard sieht die Postmoderne als das Ende der großen Erzählungen, die von dem großen Entwurf der Moderne handelten, Erzählungen von der Aufklärung und die daran anschließenden Bewegungen stoßen auf Skepsis. Ähnlich verhält es sich mit Geschichten über Religion, bei denen hinzukommt, dass sie sich mitunter auf empirisch schwer fassbare Ereignisse beziehen. Carrère nimmt dies treffend auf, indem er Nietzsches Frage wiedergibt: „wie schauerlich weht uns diess [sic] Alles, wie aus dem Grabe uralter Vergangenheit, an! Sollte man glauben, dass so Etwas noch geglaubt wird?“

Und dann beginnt sie, die Suche Carrères, der als säkularer Pariser zum Glauben findet, der versucht, als Neubekehrter streng zu glauben und daran scheitert. Auf einmal scheint der Glaube weg, aus, nur noch Asche wie eine Zigarette nach zu viel Zügen.

Die Suche und die Faszination bleiben

Zwar verabschiedet sich Carrère von der Strenge und dem Eifer eines Neubekehrten, aber er bleibt fasziniert, was im zweiten Teil des Buches deutlich wird. Er schreibt über Paulus und Lukas, das frühe Christentum, will nachspüren, wie es gewesen sein muss, als Jünger der ersten Generation das Evangelium zu verkünden. Er schreibt nicht als Missionar, nicht als Eiferer, sondern als Suchender, als Fragender, in Unsicherheit. Wichtig ist ihm jedoch, dass man ihm Aufrichtigkeit zuerkennt. Man kann sagen, das Buch ist eine ehrliche Gottsuche. Beides, die Suche, wie das Buch, lohnen sich.

Josef Jung

Emmanuel Carrère, Das Reich Gottes, Berlin 2016, 524 S. € 24,50

Ein Gedanke zu “„Das Reich Gottes“: E. Carrères postmoderner Roman

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