Vom Hören des Laubs

Für das abendländische Denken ist es ungewohnt, ein Phänomen als Hörerlebnis zu erfassen. Ein Phänomen wird als Sehereignis beschrieben und analysiert. Sehen muss jedoch eher als ein statischer Vorgang definiert werden. Hören hingegen ist immer das Wahrnehmen einer Abfolge von Klängen, Tönen oder Geräuschen. Die Geisteswissenschaften haben viel zu wenig bedacht, wie sehr ihr Denken durch die Konzentration auf das Sehen beschränkt ist. Wie allerdings ein Denken strukturiert ist, das sich vom Hören leiten lässt, ist so gut wie gar nicht angegangen worden.

Foto: hinsehen.net

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Laub als Inspiration

Laub kann man anschauen, gerade im Herbst leuchten die Blätter in zahlreichen Farben und Farbnuancen. Maler haben solche Stimmungen eingefangen und entzücken damit die „Schaulustigen“. Das Phänomen Laub ist als das, was man sieht, gut zu erkennen. Die Verständigung über das Gesehene ist auch relativ leicht, weil man etwas zeigen kann. Will man nun über das Rascheln der Blätter etwas sagen, muss man Metaphern bemühen. Vielleicht lässt sich mit einem Musikstück besser ausdrücken, was das Rascheln ausmacht. Die Sprache bekommt eine andere Bedeutung bei diesem Bemühen. Das Hören verweist auf einen Mythos, auf das, was nicht gesagt werden kann und über das man schweigen sollte, um es mit Ludwig Wittgenstein zu formulieren.

Hören ist ein Aufnahmevorgang

Das Hören muss als ein anderer leiblicher Vorgang beschrieben werden als das Sehen. Die Augen lassen sich schließen, die Ohren kann man zuhalten und es dringt doch etwas ins Innere. Das Gehörte kann so entzückend sein, das man wie Odysseus sich anketten lässt, um nicht in seinem Willen gebrochen zu werden und den Sirenen zu folgen. Die Magie der Töne kann eine ungeheure Wirkung auf den Menschen haben. Der Rattenfänger von Hameln nutzt Flötentöne, um die Kinder zu verführen. Wer Gitarre spielen und Liebeslieder singen kann, betört die Angebetete. Um Freude, Trauer, Wut oder auch Angst auszudrücken, singen Menschen Lieder. Musik begeistert und lässt Massen zu willenlosen Fans werden. Demagogen nutzen die Wirkung der Töne, des Klangs ihrer Stimme. Das Hören dringt tief in den Körper ein, laute Musik wird konkret körperlich erfahren.

Das Rascheln des Laubs

Naturgeräusche binden den Menschen an Ursprüngliches. Götter sprechen oder machen sich über den Donner bemerkbar. Für Meditationen wird das leise Plätschern eines Baches vorgespielt, das Rascheln der Blätter kann beruhigen. Das Gehörte lässt sich jedoch nicht einfach benennen. Ein Bild bleibt in seiner Objekthaftigkeit über die Zeit hinweg stabil. Ein Geräusch vergeht, ein Musikstück muss neu begonnen werden, das gibt es nie als ein Ganzes zu einem bestimmten Augenblick. Das Ganze wird zum Ganzen durch die hörende Tätigkeit. Das Rascheln des Laubs kann nur erkannt werden, wenn ein längerer Zeitraum mit Aufmerksamkeit bedacht wird. Ein einzelner Ton existiert nicht, es ist immer ein Dauern oder eine Abfolge.

Was in diesem Augenblick zu hören ist, ist im nächsten Augenblick schon Vergangenheit. Worüber geredet wird, ist also etwas, was beim Darübersprechen schon gar nicht mehr wahrnehmbar und überprüfbar ist. Ein Musiker spielt nie ein Stück zweimal identisch gleich. Auch beim Hören einer CD gibt es keine Wiederholung, da nicht nur die Lichteinwirkung und andere äußere Faktoren das Wahrgenommene verändern können, sondern das Hören des Hörens durch Willensakte beeinflusst wird. Man entscheidet sich nicht nur, dass man etwas hört, sondern auch wie man es hört, was man heraushören will. So kann man auch der Stimme wesentlich mehr Informationen über die Befindlichkeit des Sprechenden entnehmen als der Mimik oder Körperhaltung. Kleinste Stimmungsschwankungen sind an der Stimme zu bemerken. Und dies, weil das Gehör in der Lage ist, unzählige Nuancen zu unterscheiden. Bei Farben und Formen ist die Variationsbreite dagegen recht bescheiden.

Das Rascheln als Identitätszuruf

Der Begriff Sinn wird vornehmlich mit dem Sehen in Verbindung gebracht. Die Hervorbringung von Sinn ist allerdings ein mit dem Hören verbundener Vorgang. Um aus einzelnen Tönen heraus Töne hören zu können, muss dem Gehörten ein Sinn zugeschrieben werden, sonst würde man nichts hören. Dem Hören geht ein Hörenwollen auf etwas Sinnhaftes voraus. Das Gehörte ist nicht einfach nur ein Gewirr von Schallwellen. Durch das Hörenwollen wird in das Gewirr etwas hineingehört, was allerdings zurückwirkt und den ihm gegebenen Sinn entspricht. Das Gehörte ist dabei kein Konstrukt, es ist sowohl ein Außen als auch ein hineingegebenes Sinngefüge. Diese Schnittstelle lässt sich nicht verbalisieren, macht jedoch die Identität des Gehörten aus und ebenso auch dessen, der etwas hört. Identität ist dann eng verbunden mit einem Mythos, der als Begriff für das stehen kann, was real existiert und doch durch die zeitliche Struktur nie als Tatsache im konkreten Augenblick ausgesagt werden kann.

Thomas Holtbernd

Zur Lektüre empfohlen:
Joachim-Ernst Berendt, 1985. Nada Brahma. Die Welt ist Klang. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt
Peter Szendy, 2015. Höre(n). Eine Geschichte unserer Ohren. Paderborn: Wilhelm Fink
Thomas Vogel (Hg.), 1998. Über das Hören. Einem Phänomen auf der Spur. Tübingen: Attempo
Hans Zender, 2016. Denken hören – Hören denken. Musik als eine Grunderfahrung des Lebens. Freiburg München: Karl Alber

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