Verstopfung als letzter Hort der Freiheit

In Dave Eggers Roman „Circle“ geht es um die Schaffung einer neuen Welt ohne Sünde, ohne Verbrechen und ohne Makel. Dafür muss nur die Privatsphäre abgeschafft und stattdessen eine Totalüberwachung installiert werden, die alles „transparent“ macht.

Close up business man using  a laptop and mobile phone

Foto: Fotolia.com // DigitalGenetics

Wie die digitalen Monopolisten die Privatsphäre abschaffen

Wenn jeder Mensch zu jedem Zeitpunkt weiß, dass alles, was er tut und sagt, gesehen, gehört und gespeichert wird, dann tut niemand mehr schlechte Dinge. Das Ergebnis ist eine vermeintlich perfekte Welt, in der Menschen nur noch Gutes tun. Das ist eine der womöglich dystopischen Ziele des totalitären „Circle“ im gleichnamigen Roman von Dave Eggers.

Das Ende von Verbrechen und Sünde

Der „Circle“ ist mit Google in greifbar nächster Zukunft, der Internetmonopolist, der alle Sozialen Netzwerke geschluckt hat und jedes IT-Startup aufkauft. Der „Circle“ will eine Welt ohne Sünde, ohne Verbrechen, ohne Makel. Dafür gilt es, die Privatsphäre abzuschaffen: mit lückenlosen Live-Kameras auf der ganzen Welt und an jedem Menschen und GPS-Mikrochip-Implantaten in jedem Neugeborenen. So können keine Kinder mehr entführt werden und später kann kein Fremder unbemerkt in ein Wohngebiet kommen. Die Verbrechensrate wird erheblich reduziert.

Alle werden „transparent“

Die technologischen Voraussetzungen sind längst gegeben. Auf der ganzen Erde werden bereits winzige HD-Live-Kameras an allen möglichen und unmöglichen Orte installiert. Nachdem Roman beginnen die ersten Politiker beginnen, 24 Stunden eine Livestream-Kamera am Revers oder um den Hals zu tragen, um so „transparent“ zu werden. Wer nicht selbst transparent werden oder sich nicht mit transparenten Menschen treffen will, steht automatisch unter Verdacht, korrupt zu sein und Dinge zu verbergen. Der Politikbetrieb wird zwangsläufig ehrlich und offen. In der Vision des „Circle“ wird auch niemand mehr ernsthaft krank, da jeder mittels eines Gesundheitsbändchens ständig kontrolliert wird. Gibt es Anzeichen einer Krankheit oder eines erhöhten Stresslevels, wird man sofort vom Arzt einbestellt.

Jeder ist digital, gewollt oder ungewollt

Wer meint, als digitaler Eremit der Totalüberwachung entgehen zu können, irrt. Die „Circle“-Community hat ihre Augen überall. Kameras an jedem zweiten Baum und die automatische Gesichter-Erkennung ist perfektioniert. Das funktioniert, weil die Community mitmacht: sie sind von den Vorteilen der totalen Transparenz restlos überzeugt. Der Konzern streicht nur die Gewinne ein, während die Arbeit von der Community gemacht wird: Kameras installieren, Fotos und Videos miteinander teilen, Gesundheitsdaten zur Verfügung stellen, das tun die Nutzer alles freiwillig. Wer sich verstecken will, wird bis zum bitteren Ende von privaten Drohnen verfolgt. Es gibt keine nicht-digitale Existenz mehr.

Privatsphäre ist Diebstahl

Eines der Mottos des „Circle“ lautet: Privacy is theft, Privatsphäre ist Diebstahl. Wer etwas für sich behält, beraubt nicht nur sich selbst der Möglichkeiten, angenehmer, gesünder und besser zu leben. Es ist auch egoistisch, Erfahrungen für sich zu behalten. Wer keine Fotos, Videos oder Statusupdates mit anderen teilt, gibt dem Rest der Welt keine Chance, an den Erfahrungen teilzuhaben. Wer nicht teilt, stiehlt.

Handle stets in der Gewissheit, dass alle alles sehen

Auch die intimsten Momente und Situationen sollen per Live-Stream für jedermann zugänglich sein. Zum Beispiel braucht sich niemand seiner sexuellen Vorlieben zu schämen, wenn er sehen kann, dass andere diese auch haben. Wer etwas nicht teilen möchte, der muss die betreffende Handlung unterlassen. Das ist die radikal umgekehrte mediale Freiheitsvision des „Circle“.

Die neue Freiheit: Nur noch Gutes tun

Die Protagonistin des Buchs nimmt sich in ihrer Naivität nach Ladenschluss beim Kajak-Verleih ein nicht eingeschlossenes Kajak, mit der festen Absicht, es zurückzubringen und später auch dafür zu bezahlen. Natürlich sehen die Kameras alles. „Hättest Du anders gehandelt, wenn Du gewusst hättest, dass Du gesehen wirst?“, fragt ihr Chef. „Ja, natürlich“, antwortet sie, „dann hätte ich das Kajak nicht genommen.“ Die neue vermeintliche Freiheit besteht darin, nur noch das zu tun, von dem ich selbst ausgehen kann, dass der Rest der Welt es für moralisch und rechtlich vertretbar hält. Die Möglichkeit einer echten Wahl oder Entscheidung zwischen Handlungsoptionen besteht nicht. Nur das „Gute“ kann ich tun. Was gut ist, entscheidet die Circle-Community. Diese ist letztlich deckungsgleich mit der ganzen Menschheit.

Wahl- und Abstimmungspflicht

Der Circle schafft es letztlich, eine faktische Wahlpflicht bei politischen Abstimmungen einzuführen. Es ist schließlich besser, wenn alle wirklich wählen gehen. Alle möglichen Umfragen und politischen Volksabstimmungen können mithilfe einer verpflichtenden Circle-Mitgliedschaft mühelos durchgeführt werden. Der Wille des Volkes wird somit vermeintlich detailliert und unmissverständlich abgebildet.
Damit ist der Totalitarismus eines privaten Unternehmens perfekt. Aktuell kann man beobachten, wie nah die Dystopie in der heutigen Realität angekommen ist. Schon seit ein paar Jahren ist klar, dass Facebook und Google mindestens die US-Wahlen beeinflussen. Aktuell gibt es wieder eine Facebook-Erinnerung für die US-Präsidentschaftswahlen. Auch der Circle möchte, dass politische Entscheidungen zu ihren Gunsten getroffen werden.

Löschen? Lustige Idee

Medienpädagogen raten Jugendlichen heute: Stelle nur das ins Internet, von dem Du sicher bist, dass Du möchtest, dass jeder es auch noch in Jahren sehen kann. Der „Circle“ radikalisiert diese Idee: Handle stets in der absoluten Gewissheit, dass restlos alles, was Du tust, live und für immer von jedem gesehen werden kann. Unterlasse folglich alles, von dem nicht möchtest, dass irgendjemand davon weiß. Beim „Circle“ werden keine Daten gelöscht. Wer etwas löschen möchte, wird ausgelacht: „Delete? You know we don’t delete at the Circle.“ Wenn nicht gelöscht und vergessen werden kann, gibt es aber auch keine echte Freiheit mehr.

Verstopfung ist Freiheit

Der einzige „intransparente“ Raum ist die Toilettenkabine. Wer aufs Klo geht, darf für 3 Minuten den Ton seiner eigenen Revers-Kamera ausschalten, damit die Zuschauer keine unangenehmen Geräusche hören. Sie sehen dann nur die Innenseite der Kabinentür. Wer Verstopfung vortäuscht, kann nochmal reingehen und sich weiter privat mit der Kabinen-Nachbarin unterhalten. Verstopfung ist der letzte Ort der Überwachungs-Freiheit.

Ein zweiter Beitrag wird davon handeln, warum dieser digitale Totalitarismus zu Burnout führen muss.

© Matthias Alexander Schmidt

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