Rückeroberung oder verschwundene Spuren

Es gibt Spuren, die von Menschen in die Geschichte eingraviert wurden. Wege des Denkens, die Generationen beschritten haben. Linien wurden in den Alltag geschnitten, die als selbstverständlich galten. Immer wieder beschrittene Routen sind zu Traditionen geworden. Konkret und praktisch sind im Laufe der Jahre z. B. Pilger immer wieder zu einem heiligen Ort gewandert und es ergaben sich Pilgerwege, die über Jahrhunderte und Jahrtausende eingetretene Pfade wurden. Schnell sind umgekehrt nichtbeschrittene Wege verwaist und manchmal über den Sommer so zugewachsen, dass ein Weg nicht mehr erkennbar ist. Die Natur, so könnte man sagen, hat sich das ihr Eigene zurückerobert.

Tunnel

Wo jedoch einmal ein Weg war, da lassen sich Reste finden. Es können Wege rekonstruiert werden. Es lässt sich aus dem Umfeld erschließen, dass dort vor Zeiten ein Weg war. Ein Weg ist immer ein Weg in einer Landschaft, ein Etwas in einem anderen Etwas. Mit dem Weg hat sich auch das Umfeld verändert. Solange der Weg sichtbar ist, sind leicht Bezugspunkte zu erstellen und erkennbar bleibt, wie der Weg eine Gravur in eine Landschaft schnitt.

Gedankenspuren

Bei einem Verkehrs- oder Wanderweg kann anfassbar oder konkret erfahrbar leicht nachvollzogen werden, was eine Spur häufigen Gehens ist. Begibt man sich auf Gedankenwege, sind solche konkreten Wahrnehmungssensationen ein kaum erfüllbarer Wunsch. Die Spurensuche bedarf einer doppelten Anstrengung. Einmal muss überhaupt eine geistige Strömung als Weg oder Spur erkannt werden und zweitens müssen überwucherte Gedankenwege durch die Kenntnis des Umfelds sondiert werden. Es ist kaum möglich, einem anderen Spurensucher mit dem Finger einen alten Weg zu zeigen. In der Gedankenwelt gibt es keinen Schienenstrang, der zugewachsen ist und den man mit ein wenig Geschick vom Unkraut befreien und dann mit den Fingern berühren könnte, um sich zu vergewissern, dass das einmal eine Eisenbahn gefahren ist. Gedankenspuren sind allerdings genauso wie ein Schienenstrang der Hinweis darauf, dass Menschen nicht nur herumgeirrt sind, sondern bewusst ein Ziel angestrebt haben.

Der Denker auf der Bühne

Das Bemühen um eine Wegekarte des Denkens setzt zunächst einmal voraus, dass in Gedankenexperimenten Karten erstellt werden. Der Denker bemüht sich auf eine Bühne, auf der er Dramen inszenieren kann, um dann die Wirklichkeit abzutasten. Die Spuren des Denkens sind immer auch Wege der eigenen Anreise und daher Hinweise auf die eigenen Wurzeln, somit aber auch Ermöglichung und Formung des eigenen Denkens. Der Denker auf der Bühne erzeugt eine Distanz zu seinen eigenen Wurzeln als Experiment, um dann diese Distanz wieder aufzulösen. Gleichzeitig hat er durch das Stück auf der Bühne in seinem Denken neue Wege angelegt. Der Denker befindet sich in einem hermeneutischen Zirkelschluss, aus dem er sich nicht befreien kann. Seine Sicht auf den Weg ist immer auch schon Ergebnis des Gehens auf diesem Weg. Dennoch sind die Abstraktion und der bewusste Selbstbetrug Voraussetzung für die Erforschung sichtbarer und nicht mehr sichtbarer Wege.

Fatale Verwechslung im Politischen

Wenn die Philosophie den bewussten Selbstbetrug eingehen darf und sogar eingehen muss, weil es ein wesentlicher Bestandteil ihrer Methode ist, so ergeben sich fatale Folgen, wenn Politik Gedankenexperimente konstruiert, sich auf die Bühne setzt und Theaterstücke inszeniert. Die showhaften Einlagen im amerikanischen Wahlkampf sind Kampfansagen an die Fähigkeit des Menschen, rational zu Entscheidungen zu gelangen, indem bestimmte Wahlversprechen oder politische Aussagen wie Rollen in einem Theaterstück durchgespielt werden. Der Wähler wird von seinem Regiestuhl gestoßen und zu einem Statisten im Schauspiel gemacht. Dabei wird ihm einsuggeriert, sogar eine Hauptrolle zu spielen. Als engagierter Schauspieler übt sich der Wähler, um zu brillieren. Er hat jedoch nicht mehr die Spielleitung inne und ist zu einem Teil des Denkgebäudes geworden, obwohl seine Macht darin liegt, Stücke zu inszenieren und durch diese Leistung Denkwege erkennen zu können. In einem politischen System sind extreme Ansichten auch als Gedankenexperimente zu verstehen. Verbietet die Politik radikale oder extremistische Parteien, fehlen Anknüpfungspunkte, Spuren bestimmter Wege, die zum Anfang eines bestimmten Denkens führen. Die Orientierungsmöglichkeit des Einzelnen wird dadurch geschwächt. Die Emotionalisierung einer möglichen Gefahr durch AfD, Die Linke oder NPD macht aus einer Spur, der man nachgehen könnte, ein Gedankenverbot. Die Spur zu den Wurzeln solcher Parteiphänomene ist verstellt. Die Politik hat den Wähler entmündigt, indem sie die Regie über dessen Denken führt. Der Wähler gibt nicht mehr sein Votum ab, das aus dem Theaterstück seines Denkens entstanden ist. Dem Wähler wird eine Rolle in einem Theaterstück zugewiesen, seine Wählerstimme wird zu einer Farce, da schon der Gang zur Urne ein Detail aus einem fremden Drehbuch ist.

Thomas Holtbernd

Ein Gedanke zu “Rückeroberung oder verschwundene Spuren

  1. Kommentar zum Artikel „Rückeroberung“:
    In Deutschland sind die politischen Parteien an Absichtserklärungen nicht mehr gebunden, die vor der Wahl abgegeben wurden. Vielmehr werden nach den Wahlen Kompromisse mit den Koalitionspartnern vereinbart, die zum Teil den ursprünglichen Gedanken widersprechen.
    Es ist nicht mal klar, dass die vor den Wahlen gegebenen Absichts-Erklärungen ernst gemeint sind oder nur aus wahltaktischen Gründen erfolgt sind.
    Nur wer von vornherein nicht in eine Koalition eintritt, kann versprechen, was er will: er braucht es ja nicht umzusetzen.
    Und es wird eine Mehrparteienkoalition nach der Bundestagswahl 2017 geben müssen.
    Insofern sollten die etablierten Parteien ihr endgültiges Koalitionsprogramm als Wahlprogramm vorher bekannt geben. Der Wähler wird dies eher gutheißen, weil er sich ernst genommen fühlt.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s