Physik führt zur Metaphysik


Die Physik hat in den letzten 100 Jahren ein völlig neues Weltbild entworfen. Sie hat Begrenzungen entdeckt: die Lichtgeschwindigkeit kann nicht überschritten werden, das sich ausdehnende Universum hatte einen Anfang, den Big Bang. Auch ein sich immer wieder zusammenziehendes und sich ausdehnendes Universum wird durch die Entropie zeitlich begrenzt. Dieser Wandel müsste sich auf Weltanschauungen und Glaubenskonzeptionen auswirken. Die Physik muss auf ihre Voraussetzungen befragt werden. Das stellt den Naturalismus infrage, der vorgibt, mit den  Naturwissenschaften alle Fragen des Menschen beantworten zu können. Selbst innerhalb der Physik gibt es Tendenzen zu Erklärungen, die in die Nähe der Metaphysik vordingen. Es geht wieder um die Frage, was Meta- nämlich über die Physik hinaus gegeben ist. Dieser Beitrag fasst die Konsequenzen für die Notwendigkeit einer Meta-Physik und die Vorstellung eines Schöpfers zusammen, die in vorausgehenden Beiträgen dargestellt wurden.

Foto: hinsehen.net

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Für die Welt muss es eine Ursache vor dem Materiellen geben

Die Durchsetzung des Physikverständnisses  auf Grundlage der Relativitätstheorie, des Big Bang Models und BVG Theorems, muss für die Gottesfrage zu neuen Ansätzen führen. Der harte Naturalismus ist unter den Bedingungen dieser Erkenntnisse nicht mehr haltbar. Es muss einen Anfang geben. Dann kann die materielle Welt sich nicht selbst geschaffen haben, wenn sie, die Welt, vor diesem Erschaffen nicht existiert. Auch andere Erklärungsversuche aus physischen Phänomenen scheitern, da sie auch die Existenz dieser physischen  Phänomene voraussetzen.  Diese können als Teil der physischen Welt nicht existieren, wenn eben die physische Welt nicht existiert. Es wird also zu einem starken Aufschwung des intellektuellen „Glaubens“ an eine transzendente, nichtphysische Realität kommen. Nur eine solche Sicht kann die Probleme des Naturalismus umgehen.

Die Naturwissenschaften können die Ursache des Universums nicht bestimmen

Die moderne Physik führt nicht notwendig zu den klassischen Religionen zurück. Ihre Ergebnisse setzen nur eine Realität außerhalb der physischen Welt voraus. Inhaltlich wir diese Realität nicht weiter bestimmt, als dass sie für die Existenz der physischen Welt notwendig ist. Diese Realität kann damit unterschiedlich bestimmt werden, von einer  diffusen Macht oder Kraft im Sinne des New Age bis zu einem personellen Schöpfergott im theistischen Sinne.
Auch die neuen Erkenntnisse der Physik beweisen also nicht die Existenz Gottes, sie können nur als Ausgangspunkt für Argumente dienen und einzelne Prämissen stützen. Etwa die  zweite Prämisse des Kaalam Arguments, „Das Universum hat einen Anfang“. Der berühmteste Vertreter diese Argumentes ist William Lane Craig, der es in folgender Weise in sei Argument einbaut.

  1. Alles, was einen Anfang hat, hat eine Ursache für seine Existenz außerhalb seiner selbst
  2. Das Universum hat einen Anfang
  3. Wenn das Universum eine Ursache seiner Existenz außerhalb seiner selbst hat, muss diese Ursache extrem mächtig, handelnd und nicht physisch, also Gott, sein.
  4. Es gibt eine Ursache für die Existenz des Universums außerhalb seiner selbst
  5. Diese Ursache ist Gott
  6. Gott existiert.

Doch diese Argumente bewegen sich nicht mehr im Rahmen der Physik, sondern gehen darüber hinaus und sind damit Meta-Physik. Sie sind möglich, da die Physik einen metaphysischen Hintergrund hat.

Voraussetzungen in der Physik

Physik als Naturwissenschaft muss bestimmte Sätze vorrausetzen. Diese Erkenntnis ist eigentlich trivial, ihre Konsequenzen sind es jedoch nicht. Physik ist die Wissenschaft, die die materiell, empirisch erfahrbare Welt durch die Aufstellung von Naturgesetzen beschreibt. Sie muss dabei die Existenz der physikalischen Welt vorrausetzen. Eine weitere Vorrausetzung der Wissenschaft ist die Erkennbarkeit dieser Welt und ihre Beschreibbarkeit durch Naturgesetze.
Die Klärung und Begründung dieser Vorrausetzungen können, den methodischen Grenzen der Physik folgend, nicht innerhalb der Wissenschaft der Physik geklärt werden. Sie müssen in einer Weltanschauung diskutiert werden. Wobei die alltägliche, nicht objektivierbare Erfahrung und Intuitionen konsultiert werden.
Die praktisch angewandte Metaphysik hinter der Physik als Wissenschaft ist der methodische Naturalismus. Dieser negiert im Gegensatz zum harten Naturalismus nicht die Existenz nicht-physischer Entitäten, wohl aber die Wirksamkeit solcher Entitäten in der physischen Welt. Daraus folgt, dass die Physik als Wissenschaft und Erklärung der physischen Welt ausreicht.

Ontologie des harten Naturalismus

Die Physik als Wissenschaft baut also auf einer bestimmten Metaphysik auf. Denn sie muss ja erklären, was Materie eigentlich ist. Doch gibt es innerhalb der Physik quasi-metaphysische Projekte. Die Mulitivers-, Quanten und String Theorien können als naturalistische Ontologie gesehen werden. Ontologie als die Lehre vom Sein legt mit diesen Theorien das Wesen der Dinge in ihrer physischen Feinstruktur fest. Die grundlegende Seinsweise aller Dinge wäre dann je nach Theorie Strings oder Quantenbranes.
Ein weiteres quasi metaphysisches Merkmal dieser Theorien ist ihre überempirische Natur. Die Theorien sind nicht empirisch greifbar, damit nicht falsifizierbar. Sie postulieren entweder Entitäten, die von unserer empirischen Wahrnehmung grundsätzlich abgeschnitten sind. Ein Beispiel hierfür sind die verschiedenen Multiverstheorien, nämlich dass es neben unserem noch andere Welten gibt. Diese sind uns für Messungen grundsätzlich verschlossen, denn alles, was wir empirisch feststellen können, reicht nicht über die Grenzen unseres Universums hinaus. Es gibt auch Entwürfe, die empirische Voraussagen machen, die von anderen Theorien nicht unterschieden werden können und damit eigentlich überflüssig sind. Eine der wenigen Ausnahmen davon stellt die Theorie des Ekpyrotischen Universums da, das für Gravitationswellen andere Werte als die Big Bang Theorie vorhersagt.

Spezifische Metaphysik der Physik

Die Aussagen der modernen Astrophysik sind mathematische Lösungen von bestimmten Gleichungen. Ein Beispiel davon ist die Lösung von Friedmann, Lemaitre und Hubbel, die Big Bang genannt wird. Die Grundanfrage an diese rein mathematischen Lösungen wird jedoch kaum beachtet. Sind diese einfach eins zu eins in die Physik übertragbar oder braucht es dabei eine physikalische Interpretation? Hinzu kommt eine große Distanz zu unseren lebensweltlichen Phänomenen, oft gibt es überhaupt keine Verbindung zwischen den physikalischen Theorien und unserer Wahrnehmung der Phänomene unserer Welt. Damit kann bei der Interpretation nicht auf unsere Intuition zurückgegriffen werden, wie es etwa bei der newtonschen Beschreibung eines fallenden Objektes noch möglich ist.

Die problemfreie Lösung aller Fragen des Menschen aus der Physik, wie es der populäre Naturalismus erhofft, ist also nicht wirklich praktikabel. Es bleiben die Fragen der wissenschaftlichen Grundlagen und der Interpretation der Ergebnisse. Diese müssen philosophisch diskutiert werden und eine Metaphysik voraussetzen, in der es nicht nur physische Entitäten gibt. Die Philosophie muss weiterdenken – nicht gegen die Physik, sondern auf der Basis ihres Erkenntnisstandes, der im 20. Jahrhundert erarbeitet wurde.

Philipp Müller

Links:

Die Relativitätstheorie holt den Kosmos aus der Unendlichkeit
Big-Bang – anfrage an den Atheismus
Das Weltall hat einen Ursprung

8 Gedanken zu “Physik führt zur Metaphysik

  1. Warum sollte eine vereinheitlichende Theorie, um die Probleme des „Naturalismus“ zu „umgehen“, wie Philipp Müller sie vorschlägt, eine letzte Erklärung hervorrufen? Oder gar einen „Glauben an eine transzendente, nichtphysische Realität“?

    Ob Urknall oder nicht, die Frage nach den Anfangsbedingungen des Universums bleibt bestehenden. Die Erklärung für den Urknall hat nur gezeigt, daß sich die naturwissenschaftliche Erklärung aufteilt in Anfangsbedingungen und Gesetze. Vor der „Zeit“ gibt es keine Anfangsbedingungen.

    Doch Vorsicht bei dem Versuch, die Grenzen der naturwissenschaftlichen Erkenntnis mit den Bedingungen und Möglichkeit einer Transzendenz, eines meta-physischen Wesens, zu sprengen, um damit eine Erklärung zu postulieren für die Ursache der Welt. Denn was bedeutet es, daß nun ein angeblich über (meta) der Physik stehende Wesens, das auch noch personale Züge trägt, wie im Theismus, nun die Ursache für die Existenz der Welt sein soll? Dann steht dieser „Schöpfer“ als Lückenbüsser für nicht vorhandene naturwissenschaftliche Erklärungen auf der gleichen Ebene wie die physikalischen Ursachen.
    „Ursache“ ist eben kein zentraler Begriff in der Arbeitsweise von Physikern, sondern Begriffe wie „Beschreibung“ und „Erklärung“ von physikalischen Phänomenen. Physik basiert auf den Wirkursachen und jede Teleologie wird darauf zurückgeführt. Der Ursachenbegriff des Theismus jedoch greift auf Aristoteles Vier-Ursachenlehre zurück, in der Gott als Zielursache wirkt. Daher hat die Einsetzung des Schöpferbegriff in Physik oder Philosophie einen ganz anderen Sinn.
    Eine Vermischung wird weder den Ansprüchen und Methoden der Naturwissenschaft gerecht, noch der Transzendenz eines Schöpfers, denn dieser verlöre in der Integration in das physikalisch-naturalistische Verständnis von Welt seine transzendente Bedeutung.

    Warum sollte eine vereinheitlichende Theorie, wie der Verfasser des Artikels sie vorschlägt, eine letzte Erklärung hervorrufen? Die Erklärungen der modernen Physik setzen eben keine Realität außerhalb der physischen Welt voraus, sondern erkennen da eine Erklärungslücke, die nicht notwendig auf eine Notwendigkeit hinweist, diese außerhalb naturalistischer Ergebnisse zu suchen. Der Abbruch der naturalistischen Erklärungskette mit der Postulierung eines Schöpfergottes wäre dann eine rein pragmatische Strategie, um die vorhandene Argumentationslücke zu schließen.

    Antworten funktionieren als Erklärung, wenn sie ein Verstehen bewirken in einem größeren Hintergrundwissen. Daß auch die Physik oder jede naturalistische Erklärung von bestimmten Voraussetzungen ausgehen, die mit einer subjektiven Einstellung zu den zu untersuchenden Phänomenen ausgehen, ist Standarderkenntnis spätestens seit der „Kopenhagener Erklärung“. Darin wird der unhintergehbare Standpunkt der Subjektperspektive vorausgesetzt, der sich von der Objektseite nicht völlig loslösen kann . Das bedeutet, daß ein implizierter Personenbegriff möglicherweise neben und mit den physikalischen Gesetzen besteht. Nur, wie diese Verbindung aussieht, bleibt umstritten.

    Somit basiert auch beispielsweise der Empirismus auf vorrationalen Entscheidungen und stellt eine Haltung gegenüber der Welt dar. Die Objektivität der Wissenschaften wird dadurch erreicht, daß die subjektive Einstellung zur Welt weitgehend vermieden werden soll. Verstehen läßt sich eine Antwort auf Fragen daher nicht nur vor dem Horizont eines objektiven Hintergrundsystems, sondern unter Hinzunahme der Einbettung in das subjektive Weltbild.

    Es ergibt sich die Möglichkeit einer interdisziplinären Verbindung von verschiedenen Wissenschaften, wie empirischer Wissenschaft und Philosophie. Was auch bedeutet, daß Einheitlichkeit nicht von Anfang an gegeben ist, sondern sich als Prozeß in der Indisziplinarität entwickeln kann.

    So weit scheinen die Bedingungen klar, wie es dann allerdings, wie Philipp Müller vehement gefordert, notwendig zu einem „Glauben an eine nicht-physische Realität“ kommen muß, ist alles andere als klar.

    Inka Hainz

  2. vielleicht gehört zu dem ( metaphysischen ) Noch-nicht-Wissen dazu, dass sich an der Interdisziplinarität auch die Theologie beteiligt. Denn die war´ s doch, die bisher ständig das Kind mit dem Bade ausschüttete (s. Sokrates/Galilei)…

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