Sprache als Träger einer Atmosphäre

Der deutsche Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe konnte nicht nur mit Sprache umgehen, er hatte auch ein körperliches oder leibliches Verständnis von Sprache; so formulierte er den Satz: Die Sprache bringt doch eine Art von Atmosphäre des Landes mit. Es dürfte auch die Erfahrung lehren, dass verschiedene Empfindungen angesprochen werden, je nach einer gehörten Sprache. Mit dem Hören italienischer Worte werden andere Gefühle und Assoziationen geweckt als mit dem Russischen. Das Chinesische klingt nicht wie das Französische. Dass das Erkennen der jeweiligen Sprache sofort mit den Stereotypen eines Volkes attribuiert wird, macht es schwierig, den eigentlichen Klang von den Eigenarten der Sprecher zu differenzieren. Dennoch scheint Sprache eine Atmosphäre zu erzeugen und für ein Land spezifisch zu sein.

Ukrain. Chor Odessa

Foto: hinsehen.net E.B.

Abgesehen davon, dass sicherlich die Muttersprache prägend für ein Sprachgefühl ist und die Vertrautheit mit dem Klang dieser Sprache es schwer macht, eine andere Sprache in ihrer tieferen Bedeutung umfassend empfinden zu können, lassen sich durchaus Unterschiede erkennen, die nicht nur durch Fremdheit bestimmt sind, sondern tatsächlich durch spezifische Eigenarten. Der Sänger Enrico Caruso hat dies in folgendes Bild gebracht: „Eine Sprache mit vielen Konsonanten ist wie ein Kartoffelacker. Eine Sprache mit vielen Vokalen aber ist wie ein Blumenbeet.“ Das Italienische hingegen wurde von Anthony folgendermaßen bezeichnet: „Italienisch ist eine Gebärdensprache, deren Verständlichkeit durch Worte erschwert wird.“ Die angeführten Zitate sind nicht wissenschaftlich, sondern Ausdruck einer Empfindung von Menschen, die in ihrem künstlerischen Tun ein hohes Verständnis des menschlichen Ausdrucks entwickelt haben.

Sprache als körperliche Erfahrung

Das Wort gelangt über das Ohr ins Bewusstsein. Auch ein geschriebenes Wort wird von den meisten Menschen beim Lesen leise oder lautlos mitgesprochen und ist somit assoziiert mit dem hörenden Erleben der Worte. Der mechanische Vorgang des Hörens wird dem Hörenden erst dann bewusst, wenn der Ton sehr laut oder schrill ist. Die Schallwellen können nicht gesehen oder gefühlt werden. Manche Worte können wie eine körperliche Berührung gespürt werden. Scharfe Worte erzeugen ein anderes körperliches Empfinden als ein zärtliches Wort. Bestimmte Begriffe evozieren ein Gefühl, bevor es im Gehirn in seiner Bedeutung verarbeitet worden sein kann. Solche Reaktionen lassen sich nicht allein durch die kognitive Verarbeitung erklären. Ein erster Zugang zum körperlichen Erfassen von Sprache liegt in der Vergegenwärtigung, dass Sprache und Atmen in Zusammenhang stehen. Einzelne Worte können den Atemrhythmus verändern. Sänger kennen die Schwierigkeit, dort Pausen zu machen, wo sie auf dem Notenblatt angegeben sind. Der Gesang klingt anders, ob vor einer Note geatmet oder mit der letzten Atemluft ein hoher Ton erklommen wird. Innerhalb eines Wortes wird in der Regel keine Atempause gemacht. Sprachen, die vor allem kurze Worte kennen, dürften daher auch anders klingen. Sprachen bei denen die Tonhöhe die Bedeutung bestimmt, verlangen eine andere Atmung. Gleichzeitig schärfen sie die Sinne. Es ist daher nicht verwunderlich, wenn Chinesen den Wortklang differenzierter wahrnehmen und somit auch leichter ein absolutes Gehör entwickeln. Weil das Sprache und die Atmung zusammenhängen, wenn man selber spricht, wird auch beim Hören diese Erfahrung empfunden.

Leiblichkeit und Atmosphäre

Über diese rein körperliche Erfahrung hinaus kann angenommen werden, dass es eine Beziehung zwischen dem Äußeren, also der Sprache, und dem inneren Empfinden gibt, das jedoch weder das konkret Äußere ist noch durch eine Innenschau erfasst werden könnte. Es ist etwas Drittes und kann als Atmosphäre beschrieben werden. Es ist das Resultat aus dem Kontext, dem, was sich zwischen den Gegebenheiten der Sprache und den Befindlichkeiten abspielt. Solch atmosphärische Besonderheiten können gespürt werden, wenn z. B. die Nachrichtensendungen verglichen werden. Dabei kann man feststellen, dass die Stimmen der Nachrichtensprecherinnen im Laufe der Zeit tiefer wurden. Die Atmosphäre hat sich auf diese Weise verändert, Frauen mit einer tieferen Stimme wirken seriöser. Gleichzeitig kennt jeder das körperliche Gefühl, wenn er sich bemüht, sehr tief zu sprechen. Dabei werden andere Körperregionen involviert, während die hohe Stimme im Hals oder Kopf verortet wird, spürt man die untere Körperhälfte mehr beim Erzeugen eines tiefen Tons. Der Gesang einer Sopranistin wird im Körper an anderen Stellen gespürt als ein Bass. In gleicher Weise werden auch Vokale oder Konsonanten in verschiedenen Körperregionen gespürt oder Vokale berühren anders als Konsonanten. Die Sprache ist ein sehr komplexes Phänomen und der Ansicht von Goethe lässt sich intuitiv sicherlich leicht folgen, doch durch welche Aspekte genau Sprachatmosphären erzeugt werden und wodurch sich einzelne Sprachen unterscheiden, das ist wohl noch ein weites unerforschtes Feld.

Thomas Holtbernd

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