Wie stirbt man glücklich säkular? – Der Film: „Knocking on Heaven’s Door“

Ob man religiös ist oder nicht, sterben müssen alle und jeder hat seine eigene Vorstellung vom guten, vom glücklichen Sterben. Welche Vorstellungen werden in der heutigen säkularen Zeit medial als sympathisch und erstrebenswert präsentiert? Eine Frage nach dem glücklichen Tod anhand des Films „Knocking on Heaven’s Door“.

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Bild: Sean MacEntee Lizenz: CC BY 2.0

Die „metaphysische Obdachlosigkeit“

Nietzsche prägte einst den Begriff der „metaphysischen Obdachlosigkeit“, wonach der moderne Mensch heimatlos vor und für Gott geworden sei. Er erkennt bereits in seiner philosophischen Zeitanalyse des ausgehenden 19. Jahrhunderts eine Art Ende der traditionellen Religion. Am Beginn dieses „Endes“ steht jedoch nicht die „Befreiung“, wie es heutige missionarische Atheisten gerne verkünden, sondern der Schmerz, die Trauer, der Abschied von dem, was einst das Liebste war: „Du wirst niemals mehr beten, niemals mehr anbeten, niemals mehr im endlosen Vertrauen ausruhen – du versagst es dir, vor einer letzten Weisheit, letzten Güte, letzten Macht stehen zu bleiben […] deinem Herzen steht keine Ruhestatt mehr offen, wo es nur zu finden und nicht mehr zu suchen hat“ – Das ist der Weg in den Atheismus, wie Nietzsche ihn beschrieb und erlebt haben mag. Erst am Ende dieses Weges kann er von dem Übermenschen reden, der diesen Verlust ertragen und besingen kann. Erst am Ende, nachdem die letzte Heimatlosigkeit akzeptiert worden ist, kann die ausschließliche Fokussierung auf das Säkulare bzw. die Oberfläche beginnen und als erfüllend angesehen werden.

Die Situation des Menschen im 21. Jahrhunderts

Der Film „Knocking on Heaven’s Door“ ist von 1997, spielt also etwa 100 Jahre nach Nietzsches Tod und hat keinen Sinn mehr für religiöse Kämpfe aus der Vorzeit. Wenn auch die in früheren Zeiten die Frage nach dem gnädigen Gott die wichtigste gewesen sein mag, zeigt der Film, dass es heute oft um was anders geht, um die Frage, wie man das Leben vor dem Ableben noch möglichst lustvoll auskosten und genießen kann und dabei sogar noch Freundschaft finden kann. Die Freundschaft wird verkörpert durch die Rolle zweier Todkranker, Martin (gespielt von Til Schweiger) und Rudi (gespielt von Jan-Josef Liefers). Sie wollen ihre letzten Tage nicht im Krankenhaus verbringen und es vor ihrem Tod noch einmal das Leben genießen.

Das maximale Auskosten der Ich-Bedürfnisse wird zur höchsten Maxime erhoben. Dem Film scheint philosophisch der Glaube an die reine Diesseitigkeit des Lebens zu Grunde zu liegen. Eine Art hedonistischer Existenzialismus scheint die Ideologie des Films zu sein. Es geht darum, dass Leben lustvoll zu genießen und seine Sehnsüchte zu erfüllen. Die schlimmste Drohung, die wie ein religiöses Appell im Film vorkommt lautet: „Dann beeilt ihr euch besser, eure Zeit läuft ab“. – Es geht darum, sich zu beeilen, um Bedürfnisse zu befriedigen, bevor die Zeit abgelaufen ist. Konkret heißen diese ins Bordell gehen und „das Meer sehen“. Es wird ein Mercedes geklaut und eine Tankstelle überfallen. Durch diese Taten werden die Klischees des Road-Movies bedient. Aber gleichzeitig stellt dich die Frage: Wer will einen Todkranken auf die Moral eines Gesunden verpflichten, wenn diese seinem Glück im Wege stünde?

Schließlich erreichen die beiden Todkranken nach allerhand clownesker Einlagen erschöpft das Meer. Sie schauen sich an, so wie man sich anschaut, wenn man stolz ist, es geschafft zu haben. Martin nimmt noch einen letzten Zug aus seiner Zigarette und fällt um. Rudi nähert sich ihm an, blickt aufs Meer, er ist allein und am Ziel. Das Bild wird dunkler und melancholisch, dann stimmt Bob Dylan’s “Knocking on Heaven’s Door”, performed von der Band “Selig“ auf den Abspann ein.

Josef Jung

Ein Gedanke zu “Wie stirbt man glücklich säkular? – Der Film: „Knocking on Heaven’s Door“

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