Den Auferstandenen ertasten

Auf diesem verwitterten Steinrelief in der Goslaer Neuwerkkirche ertastet Thomas die Seitenwunde Jesu. Im Vordergrund sind die Frauen und Apostel für unsere Augen greifbarer. Jesus zeigt sich, wird aber eher als Erscheinender dargestellt. Nicht mehr so präsent wie vor seinem Tod wird er auch in den Auferstehungsberichten der Evangelien beschrieben. Er begleitet die Emmausjünger über eine größere Wegstrecke, ohne dass sie ihn erkennen. Am Ostermorgen meint Maria von Magdala zuerst, er sei der Gärtner. Thomas zweifelt entschieden und will die Wundmale nicht nur sehen, sondern berühren können. Einfach war es für die Anhänger Jesu nicht, ihn in den Begegnungen zu identifi­zieren.

Foto: hinsehen.net E.B.

Foto: hinsehen.net E.B.

Der Glaube an die Auferstehung ist anspruchsvoll

Jesus ist irgendwie da, muss für uns jedoch greifbarer werden, damit er mehr als schemenhaft präsent ist. Das ist für uns deshalb so bedeut­sam, weil seine Auferstehung für jeden Menschen die Überwindung des Todes verspricht. Was über Jesus gesagt ist, soll für alle gelten, also auch für mich. Wie komme ich aber Jesus näher? Folge ich den Schilderungen der Evangelien, dann kann man Jesus nicht mehr aufsuchen, so wie es von Nikodemus, einem Mitglied des jüdischen Hohen Rates, berichtet wird. Dieser war nachts zu Jesus gekommen.

Begegnungen mit Verstorbenen

Nach seiner Hinrichtung erscheint Jesus und entzieht sich auch wieder. Kann man den Erzählungen von solchen Erscheinungen trauen? In einer Verstandeskultur, in der wir seit 200 Jahren leben, gilt es als intellektuell unseriös, Erscheinungen von dieser Art ernst zu nehmen. Doch es gibt in­zwischen genügend Berichte von Menschen, die einen Verstorbenen gesehen haben. In Umfragen gaben 28% der Bevölkerung an, solche Begeg­nungen gemacht zu haben. Die Zahl ist unvermutet hoch. Über diese Erfahrungen wird meist nicht gesprochen. Dass Menschen von der Schwelle des Todes zurückkehren, ist zu oft beschrieben als dass noch Zweifel berechtigt wären. Die Tür schließt sich nach dem Tod nicht total, diejenigen, die gegangen sind, können Kontakt zu uns aufnehmen.

Begegnung mit Jesus führt zum Auferstehungsglauben

Wenn die neue Existenz Jesu nicht nur als Erzählung, sondern als Realität gesehen wird, dann kann man sich erst einmal auf die Berichte seiner Anhänger stützen. Sie sind deshalb glaubhaft, weil für die Anhänger Jesu mit seinem Tod alles aus war. Sie sahen die Mission Jesu und damit auch ihre Zukunft, die sie ja mit Jesus verbunden hatten, als gescheitert. Es muss etwas passiert sein, dass die Anhänger Jesu sich nicht mehr verkrochen, sondern von Jesus als einem Lebendigen sprachen.
Ein wichtiges Medium der Begegnung ist von Anfang an das Gedächtnismahl, das seine Anhänger auch nach seinem Tod feierten. Mehrfach wird berichtet, dass Jesus den Jüngern und den Frauen bei einem Mahl erscheint.

Die Gegenwart Jesu in der Hostie wird so zum Anker, an dem sich die Überzeugung festmacht, Jesus sei weiter unter den Menschen gegenwärtig.  Eine andere Weise der Begegnung mit dem lebendigen Christus sind seine Worte. Viele fühlen sich direkt von ihm angesprochen, so als gelten die Worte für sie. Für andere wird der notleidende Mensch zur Begegnung mit Jesus. Sein Wort: „Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“, fühlen Menschen an sich gerichtet. Wer eine Berufung, einen Lebensauftrag spürt, fühlt sich nicht von Menschen angesprochen, vor allem wenn er oder sie auf heftigen Widerstand treffen. Weil sie den Ruf Jesu spüren, können sie die Widerstände überwinden. Eine Berufung ist eben daran erkennbar, dass wir sie nicht von Menschen haben.

Auch wenn Menschen sie uns ver­mitteln, mit der Erkennt­nis unseres Lebensauftrages erreicht uns ein Ruf aus einer anderen Dimen­sion. Indem in jeder Generation Menschen einen ausdrücklichen Ruf Jesu spüren, werden sie zu Zeugen für die, die einen so direkten Ruf nicht erhalten. Sie erfahren gerade in dem Ruf Jesus als lebendig wirksam. Der Ruf Jesu erreicht uns nicht isoliert, sondern im Milieu des Geistes. Der Geist stimmt auf das Hören ein, im Geist erst wird das Wort von der Feindesliebe, der Ruf in einen Lebens­auftrag, der unbedingte Anspruch eines mir fremden Menschen, ihm im Auftrag Jesu zu helfen, in seiner Bedeutung erkannt.

Eckhard Bieger S.J.

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