Nicht virtuell, sondern real –  Person und digitales Selbstbild (Teil 2)

 

smiling friends taking selfie with smartphone

Foto: Syda Productions – fotolia.com

Ist es wirklich passiert, wenn es nicht digital ist?

Bin ich wirklich gelaufen, wenn die Lauf-App den Lauf nicht aufgezeichnet hat? Habe ich wirklich ein leckeres Essen gekocht, wenn ich kein Foto davon mache, es nicht in Facebook hochgeladen habe? War ich wirklich im Urlaub, wenn es keine Fotos davon gibt, ich nicht auf Foursquare im Hotel „einchecke“?

Der Sonnenuntergang ist nur dann gut, wenn ich ihn auch auf Facebook reingestellt habe – ich habe ihn sonst gar nicht richtig erlebt. So fühlt es sich an. Die Angst vor der Bedeutungslosigkeit dominiert den digitalen Alltag. Ich weiß gar nicht, wie es sich anfühlt, nicht zumindest darüber nachzudenken, ob ich diesen und jenen Moment auf Facebook posten sollte.

Nicht virtuell, sondern real

Da ich selbst die trivialsten Alltagsereignisse digital dokumentieren muss, läuft alles auf die Frage hinaus: Gibt es mich auch nicht-digital? Denn das Digitale ist real. – Moment, das ist doch virtuell! Wer das für sich selbst nicht glauben möchte, schaue sich Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene an – und erkläre mir dann noch, inwiefern das Digitale bei denen nicht ganz echt zum Leben dazu gehört. Es ist nicht virtuell. Das Wissen darüber, dass alles, was ich tue, digital abgebildet und gespeichert wird, verändert das Denken und das Bewusstsein. Die Identität, die Persönlichkeit, die Entscheidungsfreiheit sind davon betroffen.

Mein Geist ist online

Ist mein digitales Abbild eine Person? Bin „Ich“ diese Person? Am Beispiel des Laufs und der Werte in meiner Blutzucker-App sehe ich: Ich selbst entscheide nicht darüber, wie es mir geht. Ein Computer hat das entschieden. Warum kann ich mich nicht davon frei machen? Man sollte meinen, zu der gedanklichen Abstraktion von „Der Computer zeigt einen Wert an“ zu „Ich bin nicht identisch mit diesem Wert“ sollte ein studierter, halbwegs intelligenter,  junger Mensch in der Lage sein.

Die Illusion der Überwachung

Auch wenn meine Lauf-App nicht funktioniert hat, sind doch meine Bewegungen durch den GPS-Sender doch irgendwo gespeichert worden, oder? Vielleicht auch nicht. Aber auch dann ist es wie mit Überwachungskameras. Es genügt bereits die Attrappe einer Kamera. Es reicht, wenn man glaubt, dass man vielleicht überwacht werden könnte, wie im Panopticon von Bentham. Ich existiere digital, ob ich es weiß oder nicht, ob ich es will oder nicht. Auch wenn ich nicht sicher bin, ob etwas aufgezeichnet wurde oder nicht.

Es fühlt sich so an: Mein Digitales Ich hat immer schon bereits entschieden. Die Paradigmen des Naturalismus und des Materialismus sind damit überwunden. Die Entscheidung findet nicht im Gehirn statt, das Ich ist nicht Neuronenfeuer, sondern digitaler Datenaustausch, Einsen und Nullen, binärer Code. Das neue Paradigma heißt Digitalismus.

Ist das denn echt?

Warum kann ich diesen Text nicht schreiben, ohne mich unter dem Druck der Likes, Shares und Reaktionen der potenziellen Leser zu fühlen? Warum werde ich nach dem Posten auf Facebook ständig kontrollieren, wie viele Leute den Text schon angeklickt haben? Mein Selbstbild hängt davon ab.

Ich fühle mich süchtig nach digitaler Anerkennung. Geld bekomme ich schließlich keins dafür. Stattdessen gebe ich sogar Geld aus, damit Facebook meinen Artikel öfter in den Facebook-Timelines der anderen User anzeigt. „Die Facebook-Timelines der anderen“, was passiert da wohl? Darüber denke ich ständig nach. Facebook hat mich glauben gemacht: Das, was da passiert, ist echt. Das gehört wesentlich zu Dir. Wenn Du nicht mitmachst, verschwindest Du.

Stimmt das denn? Im dritten Teil dieser Reihe: „Mental und digital“ gehe ich dieser Frage nach: Was gehört zu mir, wer bin ich, was mich aus im digitalen Zeitalter aus?

© Matthias Alexander Schmidt, hinsehen.net-Redaktion

Ein Gedanke zu “Nicht virtuell, sondern real –  Person und digitales Selbstbild (Teil 2)

  1. die Angst vor dem Verlust des Augenblicks-real und digital…
    die Alten Römer verehrten ihn ,den Gott des rechten Augenblicks.
    Vielleicht vergötzen wir ihn ; bereichern- digital- ein paar clevere Köpfe mit Milliardengewinnen und berauben uns der Freiheit des Loslassens : Dekadenz durch Zukunftsangst…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s