Deutschland, du Paradies?! – Meine erste Begegnung mit einem Flüchtling

Frankfurt Hauptbahnhof, Südseite. Hier starten täglich viele Mitfahrgelegenheiten. Hier traf Philipp auf Samir, der nach Ulm wollte. Foto: Spiegelneuronen / flickr.com

Letzte Woche ist es passiert: ich habe zum ersten Mal mit einem Flüchtling gesprochen. Ein junger Mann aus Afghanistan hat mir tiefe Einblicke in sein Leben und in unsere Gesellschaft gewährt. Die Begegnung mit ihm hat mich nachdenklich gemacht. Und seine Gastfreundschaft hat mich überfordert. – Ein Gastbeitrag von Philipp Ripkens.

Beruflich bin ich viel auf deutschen Autobahnen unterwegs. Um die Fahrten interessanter zu machen, suche ich mir Mitfahrer im Internet. Neben der finanziellen Ersparnis für beide Seiten, freue ich mich, mit Menschen ins Gespräch zu kommen, die ich sonst niemals getroffen hätte.

Zufallsbegegnung

Ende Januar 2016. Ich fahre nach Ulm zu einem Workshop „Dialog-Marketing“. Wie immer habe ich die Fahrt inseriert und habe zwei Mitfahrer gefunden. Am Frankfurter Hauptbahnhof steigen zwei junge Männer ein. Beide Männer sind aus Afghanistan geflüchtet. Einer der beiden spricht kaum Deutsch, nur Farsi. Er ist erst seit vier Monaten in Deutschland, hatte in Frankfurt ein Vorstellungsgespräch und hat Verwandte besucht. Er setzt sich auf die Rückbank.

Samir, der andere, steigt vorne ein, setzt sich auf den Beifahrersitz. Er begrüßt mich mit einem lockeren Handschlag. Samir, der eigentlich anders heißt, ist groß, schlank, hat schwarze Haare, trägt eine schwarze Brille, er schielt ganz leicht. Er spricht hervorragend Deutsch, dabei ist er erst seit anderthalb Jahren in Deutschland. Er war gerade wegen einer Trauerfeier seiner Familie in Frankfurt. Ich merke sofort, dass Samir an einem Gespräch interessiert ist.

Endlich eine direkte Begegnung

Ich rede sowieso gerne und bin neugierig und interessiert. Endlich bietet sich mir die Möglichkeit, aus erster Hand zu erfahren, wie es ist, Flüchtling in einem Land zu sein, dessen Kultur und Sprache sich stark vom eigenen Herkunftsland unterscheiden. Denn während viel debattiert und sich gesorgt wird – während Angst, Wut und Gewalt den gesellschaftlichen Diskurs zu bestimmen scheinen – ich jedenfalls habe bisher noch mit keinem Flüchtling direkt kommuniziert. Das geht wohl vielen so. Ich fahre und frage, er erzählt.

Meine Heimat, das Paradies?

Ich frage Samir, wie es ihm hier in Deutschland gefällt. „Deutschland ist das Paradies“, sagt er. Ich stutze. Ist dieses Land, in dem ich seit mehr als 30 Jahren zu Hause bin, wirklich ein Paradies? Samir berichtet mir von seiner dreimonatigen Flucht, den schmerzlichen Verlusten von Mitreisenden, die diese Reise nicht überlebt haben. Einmal musste er drei Tage durch den Wald marschieren und hatte nur einen Liter Trinkwasser dabei.

„Manchmal ist der Tod die Erlösung“

Seine Verwandten leben in ganz Europa verteilt, von den Niederlanden bis Skandinavien. Viele andere sind dem Terror im eigenen Land zum Opfer gefallen. Samir ist erst 27 und hat in seinem Leben schon mehr erlebt als ein Mensch erleben sollte. Seine Frau wurde entführt und er weiß nichts über ihren Verbleib. Hat er noch Hoffnung, dass sie überlebt hat? Er schluckt und wir haben beide Tränen in den Augen: „Weißt du, manchmal ist der Tod auch eine Erlösung“, sagt er dann. All diese schrecklichen Erlebnisse lassen ihn nachts schlecht schlafen oder aus schlimmen Albträumen erwachen.

Entschuldigung für Silvester

Ich fühle mich schlecht und bitte Samir um Entschuldigung dafür, dass nach den Ereignissen in Deutschland fast wie selbstverständlich so viel pauschalisiert und jeder Flüchtling zum potentiellen Vergewaltiger abgestempelt wird. Er sagt, er müsse sich entschuldigen für das, was in der Silvesternacht passiert ist. Er schämt sich für dieses Verhalten. Bis zum 31.12.2016 habe er stets nette und hilfsbereite Menschen getroffen und er ist sehr dankbar, in Deutschland leben zu dürfen.

Lernen dürfen, eine Tagesstruktur haben

Ich möchte wissen, wie es ihm gelungen ist, so schnell und so gut Deutsch zu lernen. „Du musst die Sprache des Landes sprechen, in dem du lebst. Sonst ist eine Integration kaum möglich“, sagt er. Ich bewundere seine Haltung. Wie war sein Leben in Afghanistan? Er habe nie eine Schule besucht, bis er nach Deutschland kam. Er genießt es, sagt er, endlich lernen zu dürfen – und ich merke, wie wenig ich eigentlich über Afghanistan weiß. Es helfe ihm, eine Tagesstruktur zu haben: vormittags Schule, nachmittags hilft er neu ankommenden Flüchtlingen bei der Eingewöhnung und bei Behördengängen, abends geht er ins Fitnessstudio.

Smartphone: Einzige Kontaktmöglichkeit

Ob er mit seinem Handy telefonieren dürfe, fragt er mich. Ich bin erstaunt über seine Höflichkeit. Natürlich darf er. Nach seinem Telefonat habe ich eine Frage. In den Social Media habe ich kürzlich ein Bild gesehen. Auf der linken Seite steht „62 Menschen besitzen so viel wie die Hälfte der Weltbevölkerung“. Daneben ist ein ausdrucksloser Gesichtsausdruck zu sehen. Auf der rechten Seite liest man: „Ein Flüchtling besitzt ein iPhone 6“. Daneben ein entsetzt schauendes Gesicht.

Samir lacht, als ich ihm davon erzähle. Er zeigt mir sein Samsung-Smartphone. Darauf sei er schon häufig angesprochen worden: „Wie kannst du dir das denn leisten? Ist doch bestimmt geklaut?“ oder: „Die Flüchtlinge bekommen vom deutschen Staat sogar Smartphones … Flüchtling müsste man sein“. 160 Euro hat sein Gerät gekostet – gebraucht. Er hat lange dafür gespart und es ist die einzige Verbindung zu seinen Verwandten in Europa. Dank günstiger Angebote, Telefonie und Kommunikation über die mobilen Daten weiß er stets, wie es seiner Familie geht.

Kaum noch Hoffnung für Afghanistan

„Hast Du noch Hoffnung für Dein Land?“, frage ich. Samir schüttelt traurig den Kopf. Er könne auch gar nicht zurück, ohne Angst um sein Leben haben zu müssen, weil er vom Islam zum Christentum konvertiert ist. Er hat einfach zu viel Gewalt gesehen, angeblich verübt im Namen des Islams. Wie soll er einer solchen Religion treu bleiben? Er liest jetzt viel in der Bibel, ihn überzeugt der Aufruf zur Gewaltfreiheit im Christentum. In Deutschland schätze er vor allem die Freiheit und die Gleichheit aller Menschen. Grenzen von Geschlechtern, Herkunft oder Glauben spielten hier ja keine Rolle, sagt er.

Wer bin ich: Engel oder Teufel?

Bahnhof Memmingen. Hier verabschieden sich Samir und Philipp voneinander. (Foto: Thomas Mirtsch, Wikimedia Commons, CC 3.0 Unported)

Bahnhof Memmingen. Hier verabschieden sich Samir und Philipp voneinander. (Foto: Thomas Mirtsch, Wikimedia Commons, CC 3.0 Unported)

Seit einer Weile überlege ich schon, ob ich den beiden irgendwie etwas Gutes tun kann. Ein Freund hat mir mal gesagt, er kenne mich als „Ego-Philipp“ und als „Altru-Philipp“. Manchmal bin ich wohl richtig egoistisch. Heute merke ich, ist wohl mal „Altru-Philipp“ dran. Am Fahrtziel in Ulm angekommen, entscheide ich kurzerhand, die beiden Flüchtlinge direkt in ihre Unterkünfte zu fahren, damit sie sich die Fahrtkosten mit dem öffentlichen Nahverkehr sparen können.

„Du bist ein Engel“, sagt Samir zu mir. Ich fühle mich aber gar nicht so. „Nein“, sage ich, „heute hat bloß der Engel auf der einen Schulter gegen den Teufel auf der anderen Schulter gewonnen.“ Ich bitte die beiden, an mich zu denken, wenn ihnen wieder einmal etwas Unschönes in Deutschland passiert, wovon ich leider momentan ausgehen muss. Irgendwie muss ich auch über mein eigenes Selbstbild nachdenken.

Lasse ich mich einladen?

In Biberach angekommen möchte Samirs Landsmann, der dort aussteigt, mich zum Essen einladen. Mit einem etwas schlechten Gewissen lehne ich ab, da ich noch Samir in die 50 Kilometer entfernte Unterkunft bringen möchte und anschließend nochmal 60 Kilometer zurück ins Hotel fahren muss. Auch Samir lädt mich ein, bei ihm in Memmingen zu essen und zu übernachten. Die großzügige Einladung würde ich zu gerne annehmen. Ich entscheide dann aber doch, in meinem Hotel zu übernachten. Ich habe irgendwie gar keinen Hunger und möchte nach der langen Fahrt schnell ins Bett, weil ich am nächsten Tag fit sein will.

Ein kräftiger Handschlag zum Abschied

Zur Verabschiedung schütteln wir uns lange die Hand. Anders als in Frankfurt beim Einsteigen drückt Samir meine Hand jetzt mit der Kraft eines Schmiedes. Abends liege ich noch lange wache, wälze mich nachts unruhig hin und her, hadere mit der Ungerechtigkeit auf dieser Welt, ärgere mich, dass ich die Einladung nicht angenommen habe. Warum habe ich mich nicht getraut? Die Gastfreundlichkeit hat mich irgendwie überfordert.

Ich bewundere Samirs Einstellung. Er ist mehrere Jahre jünger als ich und hat so viel Schlimmes erlebt. Trotzdem ist er dankbar und blickt positiv in die Zukunft. Ich glaube, ich habe viel von Samir gelernt. Am nächsten Tag sitze ich in meinem Workshop „Dialog-Marketing“. Eine Ahnung von Dialog bringe ich schon mit, glaube ich.

Philipp Ripkens, Foto: privat.

Philipp Ripkens (Foto: privat)

Autor:
Philipp Ripkens

Protokoll, Ergänzungen und Redaktion:
Matthias Alexander Schmidt, hinsehen.net

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