Betroffenheitsjournalismus schadet der Demokratie

„Es war einmal…“ so kann man einen Satz beginnen, der über die befreiende und aufklärende Kraft des Journalismus reden will. Aus Angst, irgendwelche „Radikalsensiblen“ (Barbara Höfler) zu verletzen oder gegen die Mehrheitsmeinung zu verstoßen, traut sich kaum noch jemand, vom Mainstream abzuweichen und jenseits der „Betroffenheit“ durch Tatsachen und Vernunft zur Aufklärung beizutragen. Lieber werden Gefühle und Wünsche in den Rang der Unantastbarkeit gehoben.

Foto: dpa /picture-alliance

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Wunschvorstellungen statt kritischer Analyse

„Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“, sagte einst Erich Kästner. Heute könnte man sagen:  Es gibt nichts Gutes, außer man fühlt es. Maßstab und Grenze der Äußerungen scheint die eigene Betroffenheit oder die der anderen zu sein. Nur die Absichtserklärung zählt, der Wunsch oder das gute Gefühl. Was daraus konkret erwächst, ist von geringer Bedeutung. Dass dies jedoch nichts Gutes sein muss, schrieb schon Dante in seiner „Göttlichen Komödie“: „Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert.“ Denn letztlich kommt es nicht auf fromme Wünsche, Gefühle oder hehre Ideale an, sondern darauf, wie sich Vorsätze in der Wirklichkeit umsetzen lassen. Und hier stolpern und fallen viele betroffenheitsethische Hochleistungssportler. So kann der Realitätsschock mitunter dazu führen, dass aus dem guten Willen der enttäuschte Wille wird und man am Ende das Gegenteil dessen tut, was man eigentlich wollte. Wirklichkeit schlägt Wunsch. Aus der Himmelsleiter wird eine Höllenfahrt.

Hier wäre es die Aufgabe des Journalismus gefährlichen (Mainstream)-Populismus oder naives Wunschdenken durch kritische Betrachtung aufzudecken und dem gut Gemeinten Aufklärung entgegenzusetzen. Doch nichts dergleichen geschieht heute, weil sich die gut Gemeinten im alleinigen Recht sehen, auf der Seite der Guten, Wahren und Richtigen. Wer Kritik am Mainstream übt, wird dann schnell abgekanzelt, als gefühlskalt, bieder, böse, gestrig oder als irgendwas, das auf „-phob“ endet hingestellt. Gegen diese Moralkeule kann man nur verlieren. Niemand soll verletzt werden, doch funktioniert das nur, solange man im Gleichschritt läuft. Am Ende leidet die Demokratie.

Demokratie wird nicht durch unantastbare Betroffenheit verteidigt

Demokratie ist immer ein Wagnis. Denn Demokratie vertraut darauf, dass ein Volk in Freiheit und Gleichheit miteinander klarkommt. Die klassische Toleranz, das Aushalten, Durchleiden und Ertragen der Meinung, Gesinnung und Religion des Anderen, ist Voraussetzung jeder Demokratie. Nur so funktionieren überhaupt Menschen- und Freiheitsrechte wie das Recht auf Leben, das Recht auf freie Meinungsäußerung, Religions- und Pressefreiheit. Die Sozialordnung der Bundesrepublik Deutschland fußt wegen ihres liberalen Selbstverständnisses auf einer „freiheitlich demokratischen Grundordnung“. Er ist eben kein Zwangs- sondern ein Freiheitsstaat. Freiheit kann aber immer noch die Freiheit zur Unfreiheit einschließen. Insofern ist Demokratie immer gefährdet. Besonders extreme Kräfte können die Liberalität des Staates ausnutzen, um gegen diesen zu arbeiten. Hier gerade ist es Aufgabe der Presse, ja der Medien im Ganzen, solche Tendenzen der Demokratiefeindlichkeit aufzuzeigen und davor zu warnen. Dabei  werden zwangsläufig Gefühle verletzt. Betroffenheit darf nicht der Maßstab sein, sondern Vernunft und Aufklärung. Weder gut gemeinte Absichten noch naives Wunschdenken können Maßstab sein.

Man muss nicht die Betroffenheit derer schützen, die sich als „die Guten“ allein sehen, dabei Andersdenkende verunglimpfen und deren Meinung und Denken verbieten wollen. Hat man Angst Gefühle zu verletzten oder ist man selbst schon so “radikalsensibel“, dass man gar keinen Zugang zur Vernunft mehr hat? Wo ist die Diskussionskultur hin? Der Wille, sich ernsthaft mit anderen und deren Positionen auseinanderzusetzen ohne direkt aus Angst vor verletzten Gefühlen im Voraus zu kapitulieren?

Die Würde des Menschen ist unantastbar. Ein Recht auf Betroffenheitsschutz gibt es jedoch nicht. Wir gefährden unsere hart erkämpfte Demokratie, die Schützengräben und Vernichtungskriege für immer bannen will, wenn wir aus Angst vor Gefühlen oder angeblicher Betroffenheit nicht auf Gefahren und unbequeme Wahrheiten hinweisen. Der bereits bestehende Graben zwischen Medienmensch und Straßenmeinung darf nicht noch größer werden. Weg vom Elfenbeinturm des Gutgemeinten und –gewünschten und hin zu dem, was wirklich hilft und Früchte bringt.

Josef Jung

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