Seele – nur Materie?

Ist die Seele nur eine hohe Organisationsform der Materie oder eine eigene Substanz?
Verkörpert existieren – eine aktuelles Buch zur Bestimmung der menschlichen Person

Ist das Geistige eine Emergenz des Materiellen, also eine weitere Höherentwicklung über das Biologische hinaus. Oder verweist das Geistige, das sich im Ich-Bewusstsein, im inneren Erleben und moralischen Urteilen zeigt, auf ein anderes Substrat, das nicht aus Materiellem hervorgegangen ist. In einem Tagungsbericht wird ein Einblick in die verschiedenen philosophischen Werkstätten gegeben.
Im Untertitel von „Verkörpert existieren“ wird die Position zumindest der Herausgeber Wallusch und Watzka genannt, nämlich die menschliche Person aus dualistischer Perspektive zu verstehen. Dualistisch heißt, dass es zwei Substrate geben muss, die bereits von René Descartes unterschieden wurden, der den Körper als res extensa, als etwas Ausgedehntes versteht und die Seele als es cogitans, etwas, das denkt. Dieser Ansatz wird mit dem ersten Beitrag von Uwe Meixner dargestellt:

„Warum sollte man ein (neucartesianischer) Dualist sein?“
Weil es Bewusstseinszustände gibt, innere Erlebnisse, die nicht als materielle Vorgänge gesehen werden können. So Uwe Meixner im 1. Kapitel. Entscheidend ist die Erkenntnisweise des Ich, das nicht nur die Eindrücke und Erfahrungen, sondern auch Körperempfindungen, Berührungen und Schmerzen auf sich bezieht. Nicht der Körper sagt von sich „Ich“, sondern etwas anderes spricht von „meiner Hand“, meinen Schmerzen“. Meixner knüpft an Husserl an, wenn er den inneren Bewusstseinszuständen nahezukommen versucht.
Weitere Beobachtungen, die in den Beiträgen des Bandes genannt sind, zeigen, dass der Mensch nicht als ein rein materielles Individuum verstanden werden kann. Die Sprache, das gegenseitige Verstehen von Zeichen, sind nicht bloß organische Erscheinungen wie das Verdauen oder die Bewegung. Es handelt sich auch nicht um die Wechselwirkungen von Signalen, die bei Neurotransmittern und Hormonen zu beobachten sind. Sprache ist nur durch Verstehen möglich. Noch deutlicher wird das Sprachargument, wenn das Erlernen der Sprache in den Blick genommen wird. Es braucht andere, sprachbegabte Wesen, die ein Kind in die Sprache einführen. Organische Prozesse im Körper führen nicht zum Spracherwerb. (S. 90). Ein weiterer Gesichtspunkt ist der willentliche Befehl an den Körper, etwas zu tun, z.B. etwas zu greifen oder einen Gegenstand an einen anderen Platz zu stellen. Diese Aktivtäten der Hände oder Füße erfolgen nicht zufällig, sondern aus einer Zielsetzung heraus, so dass ein Willensimpuls in eine physikalisch zu beschreibende Bewegung umgesetzt wird.

Nur Gehirnaktivitäten – die naturalistische Erklärung
Die Gegenposition ist die naturalistische Interpretation des menschlichen Individuums, die die hier genannte Verhaltensweisen, die traditionell dem Geistigen zugeschrieben werden, nur als Vorstellungbilder sieht, die aus Gehirnaktivitäten generiert werden. Diese Sichtweise wird von Heinrich Watzka übersichtlich dargestellt (S. 71-90), um dann die Argumente der Dualisten deutlicher herauszuarbeiten. Die naturalistische Sicht wirkt auf den ersten Blick geschlossener. Liest man dann die Argumente der Dualisten, dann wird der Mangle an Erklärungskraft deutlich. Der naturalistische Ansatz erklärt nur die Bewusstseinszustände von Tieren. Organsiertes Handeln, die Entwicklung eines Rechtssystems als Basis für eine Gemeinschaft und nicht zuletzt das Philosophieren selbst können nicht als organische Vorgänge im Gehirn hinreichend erklärt werden.
Die Dualisten stehen allerdings vor dem Problem, wie sie das Zusammenwirken von Geist und Körper erklären. Wenn das Geistige ein eigenes Substrat verlangt, dann entsteht die Frage, wie das Geistige auf das Materielle einwirkt. Zwar erlaubt es der dualistische Standpunkt, eine Weiterexistenz des geistigen Substrats, eben der Seele, anzunehmen, auch wenn der Körper für das Einwirken in das Materielle nicht mehr zur Verfügung steht.

Die Einheit mit Aristoteles gedacht
Eine alte Antwort stellen die beiden Beiträge über die Aristotelische Konzeption vor, Hylemorphismus genannt. In dem Begriff besagt Hyle das materielle Substrat, „Morphé“ das formgebende Prinzip. Stephan Herzberg stellt die Konzeption, die Aristoteles in dessen knappen Werk „Über die Seele“ entwickelt hat, vor. (S. 91-108), Josef Quitterer setzt sich vor allem mit der dualistischen Konzeption auseinander. (S. 109-122) Aristoteles geht nicht davon aus, dass es einen Organismus gibt, zu dem dann eine Seele hinzukommt, sondern dass das Materielle nur das Formbare ist und die Seele das aktive, formende Prinzip ist. Dann formt eine Geistseele eine Einheit, die ein geistbegabtes Lebewesen in einem Körper ist, das sprachfähig ist und politische Ordnungen hervorbringt. In dieser Sicht des Menschen gibt es keine zwei Substanzen, sondern eine Einheit von Körperlichem und Seelischem, dessen Organisationsprinzip die Seele ist.

Was kam heraus?
Die Sammlung der Beiträge geht auf eine Tagung zurück, die die Phil.-Theol. Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt 2013 durchführte. Der Band gibt nur die Vortragsmanuskripte wieder. Diese beziehen sich nicht auf Beiträge anderer Referenten der Tagung, sondern nur auf die verarbeitete Literatur. Von großem Interesse wäre ein Resumée, nämlich zu welchen Diskussionsergebnissen die Autoren in der Diskussion gekommen sind. Der letzte Beitrag von Thomas Schärtl, „Verkörpertes Selbst“, bleibt bei einem Überblick. Aber man gewinnt aus der Lektüre doch einige relevante Schlussfolgerungen. Hat man den Band zugeschlagen, ist es einsichtig, dass eine bloß naturalistische Erklärung der geistigen Vorgänge nicht ausreicht und die Dualisten die besseren Argumente auf ihrer Seite haben. Aber man steht weiter vor der Frage, wie das Geistige im Menschen zu bestimmen ist. Noch offener bleibt die Frage, wie Körper und Geist zusammenwirken. Deutlich ist nur, dass nicht zwei Individuen gedacht werden können, ein körperliches und ein geistiges, die dann zu der menschlichen Person verbunden werden. Diese Diskussion ist aber schon im 4. und 5. Jahrhundert geführt worden, als es um die Frage ging, wie Jesus als Gottes Sohn und zugleich aus Maria geboren zu denken sei. Bereits hier kam es zu Loslösung von dem griechischen Leib-Seele-Dualismus. Seele wird bei den Griechen als eine Größe verstanden, die sich im Tod vom Körper löst und diesen zurücklässt. Da Jesus aber mit Leib und Seele auferstanden und in den Himmel versetzt worden ist, konnte diese Seelen-Vorstellung nicht mehr genügen. Person als die Einheit der göttlichen und menschlichen Natur war dann die Lösung, die vom Konzil von Chalcedon 451 rezipiert wurde.

Die Einheit von Geistigem und Organischem charakterisiert den Menschen
Die eine Person ist das eine Individuum, das uns entgegentritt. Wir begegnen der Person, indem sie sich körperlich in ihrem Minenspiel zeigt und wir uns mit Gesten wie mit der Sprache austauchen können. Wer uns da entgegen tritt, müssten uns die Philosophen erklären können. Dass das alles nur organische Vorgänge sind, erklärt eigentlich gar nichts außer dass wir den Leib des anderen nicht nur als Gegenstand, sondern als lebendige Einheit wahrnehmen. Wahrscheinlich wären weitere Zusammenhänge deutlich geworden, wenn die menschliche Freiheit in die Überlegungen einbezogen worden wäre. Ein Indiz für die Fruchtbarkeit dieses Themas ist der Drang der Naturalisten, die menschliche Freiheit möglichst ein- oder wie manche Hirnforscher ganz auszugrenzen. Mit der Freiheit kommt das Moment des Zeitlichen stärker zum Tragen und zugleich die „Natur“ des Menschen, der gerade nicht als Teil der Natur frei ist. Freiheit realisiert sich in der Zeit und damit körperlich.

Zum Aufbau des Bandes
Die offenen Fragen lenken zurück auf die Einleitung der Herausgeber. Diese geben nicht nur einen Überblick über die Fragestellungen. Die konzise Darstellung des Diskussionsstandes lohnt sich zur abermaligen Lektüre für das Verstehen des Ganzen, wenn man die einzelnen Beiträge gelesen hat. Ein weiterer Lesetipp: Man sollte nicht mit dem Beitrag von Meixner beginnen, sondern mit den Überblickskapiteln von Watzka und Wallusch, weil hier die Begriffe geklärt und die Positionen dargestellt werden, auf die sich Meixner dezidiert mit der dualistischen Konzeption des Leib-Seele-Problems bezieht. Die Reflexionen des Naturphilosophen Mutschler können auch mit den beiden Kapiteln über Aristoteles gelesen werden. Er geht von der Einheit der Natur aus. Das mündet dann in die Frage, ob das Geistige, das Mentale, erst mit dem Menschen in den Kosmos gelangt oder ob es nicht schon da war. Die Auseinandersetzung mit dem Panpsychismus wäre die stringente Fortsetzung des Bandes.
Eckhard Bieger

Patricia Wallusch, Heinrich Watzka, (Hg.), Verkörpert existieren, ein Beitrag zur Metaphysik menschlicher Personen aus dualistischer Perspektive, Nr. 5 in der Reihe STEP – Studien zur systematischen Theologie, Ethik und Philosophie des Aschendorff-Verlages, 174 S., Münster 2015

Verlagsankündigung

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