Atheismus ist nicht hell. Warum Gottesleugnung kein Glück bringt

„The Brights“- „die Hellen“, so nennt sich eine atheistische Vereinigung. Diese unterstützten die „Atheist Bus Campaign“, die 2008 auf englische Busse schreiben ließ: „Es gibt wahrscheinlich keinen Gott. Nun denn, hör‘ auf dir Sorgen zu machen und genieße dein Leben“. Dass Gottlosigkeit hell sei und genießen bedeute, ist ein großer Irrtum, sie ist genau das Gegenteil.

Foto: chrisdorney / fotolia.com

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Philosophen bekennen die letzte Verzweiflung des Atheismus

Man muss kein frommer Christ sein, um den Atheismus als Weltanschauung der Dunkelheit zu bezeichnen. Atheisten entscheiden sich dennoch für den Atheismus weil ihnen die Wahrheit wichtiger ist als das, was sie als falschen Trost ansehen. Atheisten erkennen ihre Erkenntnis als notwendige, wenngleich nicht angenehm anzunehmende Wahrheit. Nietzsche beschreibt die kaum auszuhaltende Depression nach dem proklamierten „Tod Gottes“:

„Wohin bewegen wir uns?
Fort von allen Sonnen?
Stürzen wir nicht fortwährend?
Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten?
Gibt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht durch ein unendliches Nichts?
Haucht uns nicht der leere Raum an?
Ist es nicht kälter geworden?
Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht?“
(Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft)

Und es bleibt kälter und dunkle Nacht. Es gibt keinen Trost, wenn man den Tröster getötet hat. Dann gibt es keinen Ausweg, kein Entrinnen aus dem dunkeln Schicksal des Weltenlaufs. Am Ende von “Die fröhliche Wissenschaft“ ermutigt Nietzsche jedoch zu einer „großen Gesundheit“:

„Die grosse Gesundheit. – Wir Neuen, Namenlosen, Schlechtverständlichen, wir Frühgeburten einer noch unbewiesenen Zukunft – wir bedürfen zu einem neuen Zwecke auch eines neuen Mittels, nämlich einer neuen Gesundheit, einer stärkeren gewitzteren zäheren verwegneren lustigeren, als alle Gesundheiten bisher waren.“ (Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft)

Doch was auch immer dies genau sein soll, es bleibt dabei, dass ein letztes Ziel des Lebens, eine Bedeutung, die über mich hinausweist, ausbleiben. Es gibt keine Erlösung aus Ungerechtigkeit, wenn ich nicht selbst das Boot sein kann, dass sich rettet. Fern der eigenen Leistung kommt dann immerfort nur Nacht und mehr Nacht.

Albert Camus, der große Schriftsteller des Existenzialismus, hat dies ebenfalls erkannt. Weil ihm das Leid so ungerecht erschien, dass er nicht an einen gütigen und allmächtigen Gott glauben konnte, erkannte er dennoch welch Opfer er damit auf sich genommen hatte, welch Unerlöstbarkeit er dem Menschen damit aufbürdete. Der Kampf gegen die Pest, die letztlich bei Camus als literarische Parabel für  das Leben steht, wird im gleichnamigen Buch als „Niederlage ohne Ende“ charakterisiert. Nachdem ein Arzt den Ausbruch der Pest in Camus‘ gleichnamigem Roman für beendet erklärt hat, lässt Camus diesen Arzt sehr ernüchternd und gegen allen Jubel im Stillen niederschreiben, dass die Pest eben nicht zu besiegen sei, sondern nur kurzfristig pausiere, aber immer noch in den Fugen und Abwasserkanälen sei und nur darauf warte, erneut loszuschlagen. Es gibt keine endgültige Erlösung, wenn es deren Urheber nicht gibt. Mag man in der so genannten „Westlichen Welt“ mit Geld und Wohlstand viel Lebensglück erwerben können, so endet man doch – gibt es keinen Gott – tragisch, denn das Grab triumphiert immer. Dass Camus dennoch der Pest im letzten Satz seines Buches eine erlösende, belehrende Funktion gibt, mag daran liegen, dass er Gott nicht ganz aufgeben will. Selbst in dem, was absurd scheint, klammert er sich an eine Hoffnung, die aber nicht mehr atheistisch sein kann:

„vielleicht [wird] der Tag kommen […], an dem die Pest zum Unglück und zur Belehrung der Menschen ihre Ratten wecken und erneut aussenden wird, damit sie in einer glücklichen Stadt sterben“ – Camus, Die Pest, letzter Satz.

Ohne Gott kann es nicht hell sein

Die Pest wird hier personifiziert und mit Intelligenz ausgestattet, gleichsam zu einer grausamen göttlichen Gestalt. Warum soll die Pest einen finalen Sinn, ein „damit“ haben? Einen letzten Sinn kann nur ein Wesen mit Bewusstsein geben. Hält Camus das Absurde nicht aus und fügt daher Gott ein, ohne ihn so nennen zu können? Zumindest zeigt diese Stelle der Weltliteratur eines: Es gibt kein letztes Licht im Leben, wenn man nicht annehmen kann, dass es einen Sinn gibt, der über alles scheinbar Sinnlose siegen kann. Dieser letzte Sinn kann aber nur Gott sein. Das beweist Gott nicht, aber es zeigt, dass es nicht ohne ihn hell sein kann. So schlussfolgert auch Jacques Monod über seine Interpretation von Naturwissenschaft, die gleichsam zeigt, was Atheismus bedeutet:

Wenn er diese Botschaft [der Wissenschaft] in ihrer vollen Bedeutung aufnimmt, dann muss der Mensch […] seine totale Verlassenheit, seine radikale Fremdheit erkennen. Er weiß nun, dass er seinen Platz wie ein Zigeuner am Rande des Universums hat, das für seine Musik taub ist und gleichgültig gegen seine Hoffnungen, Leiden oder Verbrechen.“ – Jacques Monod

Josef Jung

Siehe auch: Wie Hoffnung und Erlösung wahr werden können

6 Gedanken zu “Atheismus ist nicht hell. Warum Gottesleugnung kein Glück bringt

  1. Die Armseligkeit der Religioten zeigt sich mittlerweile darin, dass sie keine Argumente mehr haben, sondern versuchen, den Atheismus madig zu reden.
    Nur die, die zu schwach sind, um sich von ihrem Hirngespinst zu befreien (im doppelten Sinn), verteidigen sie oder trauern ihnen nach.

      • Sie drücken sich um den Inhalt, indem Sie den Ausdruck kritisieren und dann falsche Schlussfolgerungen über mich abgeben.

        (Falls Sie eine andere Form bevorzugen:
        Die Armseligkeit von Herrn Jung zeigt sich darin, dass er keine Argumente hat, sondern versucht, den Atheismus madig zu reden.
        Nur die, die zu schwach sind, um sich von ihrem Hirngespinst zu befreien (im doppelten Sinn), verteidigen sie oder trauern ihnen nach.)

  2. „… es einen Sinn gibt, der über alles scheinbar sinnlose Siegen kann. Dieser letzte Sinn kann aber nur Gott sein.“

    Warum? Kann es nicht auch einen anderen Sinn geben? Muss der Sinn denn die Erlösung nach dem Tod beinhalten? Ist es denn nicht auch Sinn, ein erfülltes Leben zu führen ohne ein anschließendes ewiges Paradies? Das kann man jedoch auch ohne Gott.

    Und woher kommt die Behauptung, dass das Licht überwiegt? Vielleicht ist die Welt (oder ein Einzelschicksal) mehr dunkel als hell. Doch muss das negativ sein? Hat nicht auch das Düstere seinen Reiz, eine Ästhetik, eine Erfüllung? Und wer suhlt sich denn nicht hin und wieder in bittersüßer Melancholie?

    Ich würde mich über eine Antwort freuen! 🙂
    lg,
    Jonathan

    • Hallo Jonathan, ein „erfülltes Leben“ ist nichts, dass ich vollkommen „selbstbestimmt“ wählen kann. Es ist oftmals Schicksal, es hängt davon ab, wo ich geboren werden, welche Talente ich habe und ob ich gesund bleibe. Im Grunde ist dies Schicksal. Wir haben in der „Westlichen Welt“ oftmals das Glück, mit großer Wahrscheinlichkeit recht „selbstbestimmt“ zu sein. Aber das ist die weltgeschichtliche und georgraphische Ausnahme. Sinn kommt vom mittel/althochdeutschen und heißt soviel wie „Gang, Reise, Weg“. Man kann jedch weder von Gerechtigkeit, noch von einer erfüllten „Reise“ reden, wenn den meisten diese in dieser Welt und diesem Welt versagt bleibt. Glücklich, wer in diesem Leben gut leben kann, aber wenn ich es nicht kann, was dann? Es wird zur reinen Glückssache, das ist aber keine Frage des Sinns mehr. Siehe dazu auch diesen Artikel: http://hinsehen.net/2015/07/25/ich-weiss-mein-erloeser-lebt/ /JJ

  3. Pingback: „’Die Pest‘ war für uns eine Art Bibel für die humanitäre Arbeit“: Camus‘ Roman als Motivation zur Menschlichkeit | hinsehen.net

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