Kann man den Menschen ohne Gott denken?

Die Philosophie des Naturalismus versucht den Menschen gänzlich ohne Gott und nur aus der Materie heraus zu begreifen. Demnach sei alles, auch der Geist, nur ein Produkt evolutionärer-biochemischer Prozesse. Doch wird man damit dem Menschen gerecht? Kann der Naturalismus wirklich den Geist erklären? Wie verhält sich Naturalismus zu Moral? Kann der Naturalismus wirklich Gott als Grund der Menschenwürde ersetzen?

Bild: dpa / picture alliance

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Die Philosophie des Naturalismus

Seit 200 Jahren versuchen Intellektuelle nicht nur die Welt, sondern auch den Menschen zu erklären „als ob es Gott nicht gebe“. Wir befinden uns am Ende dieses großen Vorhabens. Denn die Philosophie des Naturalismus will nicht nur den Kosmos und die Lebewesen allein naturwissenschaftlich verstehen. Sie traut den Ansätzen der Griechen, des Mittelalters wie des Idealismus nicht mehr zu, auch die menschliche Lebenswelt zu erklären. Zuverlässig sind für den Naturalismus nur die experimentellen Wissenschaften, vor allem die Physik. Was nicht messbar ist, zählt nicht. Da diese Wissenschaften bis zum Ursprung des Kosmos, dem Urknall wie auch zu den Bauprinzipien der Zelle und der Fortpflanzung vorgedrungen sind, erwartet man von ihnen auch die Beantwortung der noch offenen Fragen der menschlichen Existenz. Denn warum soll mit ihren Methoden nicht auch die geistige Dimension des Menschen zureichend ausgeleuchtet werden? Wenn der Naturalismus den experimentellen Wissenschaften ein vollständiges Verstehen des Menschen zutraut, dann braucht oder setzt er notwendig eine Grundannahme:

Der Geist kommt aus der Materie

Da die Evolutionstheorie generell unbestritten ist, liegt es nahe, den Menschen als Naturwesen auch auf naturwissenschaftlich Aussagbares zurückzuführen. Geist gilt dann als Emergenz, als etwas, das aus dem Materiellen hervorgegangen ist. Die Hirnforschung scheint zu versprechen, irgendwann mal Bewusstsein messen zu können. Derweil sind Google, Facebook und Apple so weit, unsere Kaufwünsche, politischen Präferenzen, Urlaubsziele und Themen für Buchangebote zu erfassen. Aber gerade hier braucht es mehr als das Versprechen der Naturwissenschaften, den Menschen rein naturalistisch erklären zu können. Die Erfassung der Gewohnheiten, politischen Präferenzen und Wünsche ist so weit durchgeführt, dass jeder über weite Strecken berechenbar geworden ist. Wenn der nächste Edward Snowden die Profile einzelner Bürger veröffentlicht, also was Google&Co alles wissen, dann könnten die Naturalisten sagen, dass der Mensch zu 90% und mehr von außen, also empirisch, erfasst werden kann. Dann könnte sich der geistige Widerstand, so wie am Ende des Kommunismus,  wieder regen. Der Kongress und andere Parlamente könnten die Daten beschlagnahmen und, wie die Gauck-Behörde, jedem Einblick geben, was über ihn gesammelt ist, wo er überall war, wen er getroffen hat, welche Verhältnisse er, sie eingegangen sind und vieles mehr. Was würde sich aber in den Menschen regen, sollte die Gauck-Behörde den Auftrag erhalten, die Google-, Facebook- und Apple-Akten zu ordnen und jedem sein Profil zugänglich zu machen?

Vom Zufallsgeschöpf zur unantastbaren Würde

Der Naturalismus erklärt den Menschen als Produkt der Evolution. Die Prinzipien, die formuliert wurden, sind

  1. Zufall durch Mutation
  2. Auslese der überlebensfähigen Mutationen
    Wenn der Mensch sich als etwas Besonderes erfährt, ein Wesen, dem die Verfassung bestimmte Grundrechte zuspricht, dann wäre das nur eine Täuschung. Naturalistisch müsste man sagen, dass ein solches Bewusstsein einer Mutation entspringt und deshalb in der menschlichen Erbfolge weitergegeben wird, weil das Individuum, das sich eine besondere Würde zuspricht, überlebensfähiger ist. Geist wäre also ein Mutations-Vorsprung vor den anderen Lebewesen, aber ohne weitere Bedeutung für das Verständnis des Menschen als Produkt der Evolution. Was früher als Geist-Seele galt, das menschliche Selbstbewusstsein mit seinem Anspruch auf die Achtung der anderen wäre einfach durch Zufall entstanden und könnte auch wieder verschwinden.

Aber worauf könnte sich das Grundgesetz stützen, wenn es feststellt: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Artikel 1 sei hier zitiert:

(1) Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.
(2) Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.
(3) Die nachfolgenden Grundrechte binden Gesetzgebung, vollziehende Gewalt und Rechtsprechung als unmittelbar geltendes Recht.

Wäre diese Unantastbarkeit der Würde nur ein Zufallsergebnis naturalistischer Vorgänge, dann würde das eine staatliche Macht nur binden, wenn diese Achtung der Würde Überlegenheit im Überlebenskampf verspricht. Ergäbe sich eine andere Konstellation, z.B. im Wettbewerb mit anderen Nationen, dann könnte eine staatliche Macht den Artikel 1 der Verfassung außer Kraft setzen. Das ist nicht bloß eine Möglichkeit, sie wurde von der nationalsozialistischen Doktrin vollzogen. Diese nahm für sich in Anspruch, die Unantastbarkeit der Menschen jüdischer Herkunft außer Kraft zu setzen. Wenn der Naturalismus den Menschen nur als Naturprodukt verstehen will, dann ist das Großexperiment, den Menschen nur biologisch zu verstehen, bereits Realität. Man könnte allenfalls insofern auf Fortschritte der Naturwissenshaften bauen, als die Genmanipulation neue Perspektiven eröffnet, eine noch lebenstüchtigere Menschensorte zu züchten als den Homo sapiens.

Nun könnte man sagen, dass aus dem Großexperiment „Nationalsozialismus“ die Konsequenzen gezogen wurden und man die Würde des Menschen als das beste Fundament für das Überleben eines Volkes erkannt hat. Es gäbe dann eine den Mutationen beim Individuum vergleichbare Höherentwicklung im Bewusstsein einer Gesellschaft. Das ist auch die Überzeugung der westlichen Gesellschaften, dass dieses Modell einer auf einer Verfassung basierten Gesellschaftsordnung der höhere Entwicklungsstand ist. Zumindest funktioniert der Kapitalismus im Rahmen einer Rechtsordnung, einem optimierten Bildungssystem und Freiräumen für das Unternehmertum am besten. Wenn wir von diesem Entwicklungsstand z.B. auf den Islamischen Staat schauen, der die Würde nur Angehörigen ihrer eigenen Islaminterpretation zuspricht, dann drückt das westliche Überlegenheitsbewusstsein das so aus: Die politisch-religiöse Ordnung des Islamismus sei eben mittelalterlich. Mit dieser Behauptung muss man dann aber auch sagen, dass in Deutschland das Mittelalter erst 1945 überwunden war. Zudem kann kein Naturalist auf Grund der naturwissenschaftlichen Forschungsergebnisse mit Sicherheit ausschließen, dass eine Demokratie mit der Achtung der Menschenrechte sich nicht wieder in einen faschistischen Gewaltstaat verwandeln könnte, wo Juden, Homosexuelle und Systemkritiker wieder verfolgt werden. Die Empirie spricht bereits für Europa dagegen.

Die Freiheit ist kein Naturphänomen

Sollte das in Westeuropa entwickelte Staatsverständnis wirklich durch zufällige Entwicklungssprünge erreicht worden sein, dann ist diese Erklärung nicht vollständig. Denn ehe Demokratie entstand, wurde sie philosophisch vorbereitet. Die moderne Idee der Demokratie entstand in England, wurde in den nordamerikanischen Kolonien mit der Loslösung von der englischen Krone zuerst in einer Versammlung in Virginia konzipiert und dann auch in Frankreich gewalttätig in einer Revolution umgesetzt. Diese in westlichen Augen höchste Entwicklungsstufe der Menschheit ist also nicht durch Zufall entstanden, sondern durch Planung. Sie ist der Freiheit und dem Widerstand entsprungen und kann mit den Methoden der Naturwissenschaften nicht erfasst werden. Das ist in der experimentellen Methodik begründet. Diese zielt nicht auf die einzelne Entscheidung, sondern auf wiederholbare Experimente. Mit den experimentellen Methoden wollen die Naturwissenschaften die Gesetze ergründen, nicht zuletzt deshalb, um sie mit den Ingenieurwissenschaften in Technik umzusetzen. Die Experimente müssen prinzipiell an jedem Ort des Weltalls wiederholbar sein. Sie führen zu Gesetzen, wie eben die Natur sich verhält. Im Unterschied zu den Naturvorgängen ist eine freie Entscheidung prinzipiell einmalig. Zudem gilt sie nur für den einzelnen. Andere Menschen werden in gleichen Umständen anders entscheiden. Die Naturwissenschaften, auch die Hirnforschung, sind in Bezug auf die Freiheit taub. Sie haben kein Ohr, um sie zu erfassen. Freiheit könnte man auf den Zufall zurückführen. Das wäre in einem bloß naturalistischen Welt Bild möglich.

Der Zufall, der biologisch freie Entscheidungen ermöglicht, ist von der Quantenphysik her gegeben. Als Beispiel sei nur genannt, dass die Physiker nicht voraussagen können, welches von 10 radioaktiven Atomen als nächstes zerfällt. Man kann nur die Halbwertszeit angeben, aber nicht die Atome bezeichnen, die in dieser Zeit zerfallen werden. Weitere solche Phänomen, die stattfinden, aber nicht exakt voraussagbar sind, gibt es noch mehr. Aber wenn eine Entscheidung herbeigeführt, weil nicht das dritte, sondern das siebte von 10 Atomen reagiert, wäre das keine aus der Freiheit entspringende Entscheidung. Worin die Freiheit begründet ist, müsste der Naturalismus mit ganz anderen Methoden feststellen können. Dann könnten die Naturwissenschaftler Freiheit „von außen“ beobachten. Nach unserem jetzigen Wissensstand kann nur das Individuum, das entscheidet, darüber Auskunft geben, ob es seine Entscheidung war oder die von jemand anderem Übernommene.

Die Freiheit ist allerdings der Angelpunkt der Menschenwürde. Denn die Grundrechte sollen dem einzelnen den Spielraum geben, über die Gestaltung seines Lebensweges selbst zu entscheiden. Im Art.2 des Grundgesetzes heißt es:

(1) Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.

(2) Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist unverletzlich. In diese Rechte darf nur auf Grund eines Gesetzes eingegriffen werden.

Die freie Entfaltung der Persönlichkeit macht gerade die Würde des Menschen aus und gilt daher bereits als Grundlage für die Erziehung der Kinder. In diesem Sinne achten weder die Naturalisten noch die Datensammler der Internetunternehmen die Verfassung, weil sie den Menschen als steuerbar, manipulierbar bzw. durch Gesetze der Natur bestimmt und eben nicht als frei voraussetzen. In einem letzten Schritt ist zu fragen, welche Instanz die Freiheit und die daraus folgende Würde des Menschen garantiert.

Vom Zufallsprodukt zur Unbedingtheit der Personwürde

Die Verfassungen verorten die Freiheit und die Menschenwürde im Menschen selbst. Der Staat spricht nicht dem einzelnen Freiheit und damit Würde zu, sondern kann sie nur akzeptieren. Der Mensch wird weder durch den Staat, noch durch eine andere Institution und auch nicht durch die Religion zu seiner Freiheit ermächtigt,  vielmehr eignet sie dem Menschen “von Natur“. Er bringt sie mit. Daher sind die Grundrechte nicht staatliches Zugeständnis, sondern von ihm zu achten. Das Besondere dieser Rechte, die die Würde des einzelnen näher beschreiben, ist ihre Unbedingtheit. Sie sind menschlichem Eingriff entzogen. Weil sie der menschlichen Verfügbarkeit entzogen sind, muss es eine Instanz geben, die diesen Rechten unbedingte Geltung verschafft. Das kann logisch nicht der Zufall sein, sondern eine Instanz, der wir Absolutheit zusprechen. Aus dem Zufallsprodukt der Evolution wird plötzlich ein Lebewesen, das mit Unbedingtheit ausgestattet ist, das nicht zum Mittel für einen höheren Zweck gemacht werden kann. Auch für diese Voraussetzung gibt es einen empirischen Beweis. Das marxistische Konzept wie auch jede Kriegserklärung setzen menschliches Leben aufs Spiel, damit spätere Generationen in einer besseren Welt leben können. Das Experiment „Sozialismus“ ist 1989 mit großen Folgeschäden abgebrochen worden.

Wenn es aber eine Instanz gibt, die dem Menschen unbedingte Würde zusprechen kann, dann ist es gerade diese Instanz, die die Freiheit des einzelnen garantiert. Ohne ein Absolutes keine Verankerung der Freiheit. In unserem Eigensten, unserem Personkern,  sind wir unabhängig von anderen Menschen, auch wenn unser Leben von der Geburt an nicht ohne andere möglich ist. Deshalb gehört zum Anspruch auf die eigene Freiheit notwendig die Achtung der Würde aller anderen. Das ist deshalb möglich, weil die Würde der anderen ihnen nicht von mir zugestanden wird, sondern von mir zu achten ist.

Eckhard Bieger S.J.

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