Symbole sind nicht Zeichen

Aus Engeln werden Bürokraten mit Stempel

Zeichen, Piktogramme, Hinweisschilder, Verkehrszeichen, Gebrauchsanweisungen u. ä. prägen unser Leben. Um ein Regal zum Regal zu machen, schauen wir auf einen Plan, der uns Schritt für Schritt via Zeichnungen beim Aufbau hilft. Da, wo Menschen mit unterschiedlichen Sprachen eine Dienstleistung verlangen wie auf einem Flughafen, müssen Hinweisschilder so allgemeinverständlich sein, dass in der Regel auf sprachliche Erklärungen verzichtet werden kann. Eindeutigkeit ist gefordert, die kultur- und sprachübergreifend ist. Das Piktogramm oder Hinweiszeichen sollte möglichst keine Interpretation zulassen. Ein Vorfahrtsschild muss von jedem Autofahrer als solches sofort erkannt werden, würde er das Zeichen mit dem Symbol des Kreuzes verwechseln, könnte dies fatale Folgen haben.

Es scheint, unsere Umgebung ist vom Bemühen um Eindeutigkeit geprägt. Dem Zufall oder der Interpretation wird kaum noch ein Raum gelassen. Qualitätsmanagement oder Prozessoptimierung verlangen einen klaren Ablauf, der so vorgegeben ist, dass der konkrete Mensch austauschbar wäre. Prozessbeschreibung muss bis in einzelne Schritte exakt sein, damit auch ein Fachfremder die richtigen Handgriffe ausführen könnte. Für eine eigene Deutung ist kein Raum. Auf der einen Seite vereinfacht eine solche Prozessbeschreibung das eigene Tun, auf der anderen Seite entsteht die Gewöhnung daran, dass Sprache und Bilder eher Instrumente für eine Gebrauchsanweisung sind als Annäherungen an so etwas wie Wahrheit. Die kann nämlich nicht eindeutig ausgesagt werden, sondern verlangt eine Sprache, die nicht konkret sondern vieldeutig ist. Bilder, Metaphern oder Umschreibungen spiegeln die Wahrheit. Eine Formel wäre nicht die adäquate Form und der Weg zur Wahrheit. Diese lässt sich nicht als exakte Prozessbeschreibung fassen.

Verkerhsschild

Vom Hinweis zum Symbol
Die Diskussion um das Kopftuch, das Musliminnen z. B. im Schuldienst tragen wollen, verdeutlicht die Konfusion im Erfassen von Zeichen. Im Gegensatz zum Kreuz ist das Kopftuch nämlich kein religiös-symbolisches Zeichen, es wird in der Öffentlichkeit jedoch damit gleichgesetzt. Das Kopftuch kann als ein Zeichen für ein bestimmtes Verständnis des Islams verstanden werden. Bei Ordensschwestern ist es hingegen als Schleier das Symbol für die Braut Christi. Es wird nicht auf etwas verwiesen, vielmehr steht der Schleier für etwas anderes. Dass ein Zeichen für den einzelnen Menschen wichtig sein kann, ist damit nicht abgewiesen. Es wird jedoch häufig diese Wichtigkeit für den Einzelnen mit der Symbolhaftigkeit verwechselt. Die Aufladung eines Zeichens mit einer angeblichen Symbolhaftigkeit wird als politisches Mittel genutzt. Das fehlende Gewicht eines Arguments wird durch diese Form der Heiligung ersetzt und damit unangreifbar gemacht. Statt etwas zu diskutieren, wird es zu einer Glaubensfrage gemacht.

Vom Symbol zum Hinweis
Umgekehrt wird durch diese sprachliche Ungenauigkeit dem Symbol seine eigentliche Kraft genommen. Wenn Zeichen und Symbol nicht unterschieden werden, dann kann auch kaum noch verstanden werden, dass ein Symbol mehr ist als der Verweis auf etwas anderes. Die Eheschließung im katholischen Verständnis z. B. ist eben nicht nur das Zeichen dafür, dass zwei Menschen in der Öffentlichkeit sich zu ihrer Liebe bekennen. Indem sich im Sakrament der Ehe das Symbol der Liebe manifestiert, ist die Liebe zwischen zwei Menschen die Teilhabe an etwas über die Brüchigkeit menschlicher Beziehung Hinausgehendes, also die spürbare Treue Gottes zu den Menschen. Dies ist jedoch nicht als Hinweis auf das, was möglich wäre, gemeint. Im Symbol realisiert sich diese Treue. Bei einem Piktogramm dagegen wird keine andere Wirklichkeit erzeugt. Dieser Aspekt soll gerade weitestgehend ausgeschlossen werden. Die technisierte Gesellschaft und die vorrangige Ordnung des gesellschaftlichen Lebens durch Verwaltungsvorschriften lässt für eine Wirklichkeit keinen Platz, die sich genauen Regeln entzieht und nur als mehrdeutige Beschreibung von der Wirklichkeit der Realität berichtet. Aus Symbolen werden Verfahrenshinweise gemacht und die gesellschaftliche Ordnung ist auf das Einhalten von Regeln gerichtet. Die Engel stehen nicht mehr vor den Toren des Paradieses, sie stempeln lediglich die Ausweise derer, die den Garten Eden als besonders authentische Ausgabe von disney world besuchen wollen. Die Engel mit den Schwertern sind zu Beamten mit Stempeln geworden.

Thomas Holtbernd

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