Es lebe das Feuilleton!

Die Sense des Internets hat die Tageszeitungen, Bücher in analoger Form, Journale sowie Printmedien insgesamt wenn nicht schon um-, dann zumindest an den Rand der Existenz gebracht. Doch nicht nur die herkömmliche Zeitung ist tot, auch die Wissenschaften werden nicht mehr in der Weise ernst genommen, dass das Verstehen eines Zusammenhangs als anstrengend erlebt werden soll. Heruntergebrochen auf Plattitüden oder Halbwahrheiten darf ein Wissenschaftler in der Öffentlichkeit etwas sagen oder schreiben.

Foto: Zerbor / fotolia.com

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Der Wissenschaftsbetrieb

Der Wissenschaftsbetrieb selber drängt Wissenschaftler dazu, möglichst viele Publikationen vorzuweisen, damit die akademische Laufbahn gesichert ist. Nicht nur die Gebiete, mit denen sich ein an den Universitäten tätiger Wissenschaftler beschäftigt, werden immer spezieller und scheinbar vom normalen Alltag entfernter, auch die Wissenschaftler als Personen werden immer einseitiger und lebensferner, weil der Wissenschaftsbetrieb blind für die Alltagsprobleme macht und Lehrende an den Hochschulen zu Unterhaltungskünstlern mutieren sollen. Der Wissenschaftler steht zwischen den Alternativen von abstrakter und bis zum Letzten ausdifferenzierten Wissenschaftlichkeit und dem Anspruch, schwierige Zusammenhänge vereinfacht und amüsant vorzutragen.

Akademien als Vermittler?

Die Programme der ehemals großen Akademien sind langweilig geworden. Die Frage steht ungesagt darin, was eigentlich an das Publikum vermittelt werden soll? Gibt es die großen Themen? Lassen sich wichtige wissenschaftliche Erkenntnisse finden, die für die Teilnehmer aufbereitet werden könnten? Welcher Wissenschaftler hat einen hohen Bekanntheitsgrad und redet auch noch verständlich? Sind die Positionen tatsächlich pointiert und zeigen sie klar Entwicklungen im wissenschaftlichen Denken an? Legt man sich auf eine Meinung fest, wenn man Wissenschaftler A und B einlädt, aber C nicht? Womit ließe sich ein großes Publikum ansprechen? Und gibt es überhaupt noch die Bereitschaft, auch nach einem Vortrag im Bierkeller weiter zu diskutieren und nicht nach Hause zu fahren, sondern über Nacht zu bleiben? Das Erscheinungsbild der Akademien ist Zeichen für eine bestimmte Form der Diskussionskultur. Heftige Auseinandersetzungen werden gemieden, man möchte keinen Ärger bekommen, es soll alles ausgewogen sein und die Unternehmensberater haben gesagt, man müsse das so und so machen, vor allem solle man ans Marketing denken.

Das Internet ist auch keine Rettung

Da ein unmittelbarer Diskurs kaum noch gelingen mag, wird auf die Präsenz im Internet gesetzt. Die Zeitungen haben ihre Internetpräsenzen und versuchen langsam, den Lesern doch irgendwie das Geld aus der Tasche zu locken. Entweder muss für Artikel bezahlt werden oder der Leser wird mit zielgenauer Werbung traktiert. Die neuen Medien werden als demokratische Instrumente gepriesen und es scheint auch tatsächlich eine Meinungsbildung über diese Wege möglich zu sein. Open petition u. a. beeinflussen politische Entscheidungsprozesse und das Internet scheint als Möglichkeit demokratischer Prozesse bestätigt zu sein. Es wird dabei vergessen, dass es inzwischen intelligent angelegte Kampagnen gibt, um staatlicherseits auf Menschen massiv Einfluss zu nehmen, damit der Bürger gesund isst, sich „richtig“ verhält, das Richtige denkt, usw. Wer ist noch in der Lage, staatliche Einflüsse, Werbestrategien sowie Manipulationstaktiken bestimmter Gruppen zu erkennen? Das Internet ist als solches nicht der Diskursboden, auf dem ein kritisches Bewusstsein entstehen kann. Es ist ein Kommunikationsmedium, aber kein Diskursinstrument.

Sokrates diskutiert nicht via Mäeutik-Gruppe bei Facebook

Der Philosoph, auf den die Hebammenkunst des Miteinanderredens zurückgeht, ging auf den Marktplatz, weil er die Diskutanten sehen, fühlen und führen wollte. Er brauchte das unmittelbare Gespräch. Es ging nicht um einen Austausch von Meinungen, die Voraussetzungen mussten geklärt werden, wie man überhaupt zu einer Meinung kommt. Wissen lässt sich auch alleine aneignen, Klugheit entsteht durch Erfahrung und Diskurs. Vor allem ist es notwendig, sich von einem anderen führen lassen zu wollen. Dies ist mit den neuen Medien kaum möglich. Viel zu sehr müssen manipulative Techniken eingesetzt werden, damit jemand dran bleibt. Eine Homepage muss so gestaltet werden, dass die Aufmerksamkeit gehalten wird. Durch intuitive Führung wird der User dorthin geleitet, wo die maßgebliche Information steht. Ein Diskurs jedoch ist nicht manipulativ, allenfalls zwingend. Es findet nicht wirklich ein Dialog statt, der User hat lediglich die Möglichkeit, ja oder nein einzugeben oder eine Meinung zu äußern. Wenn sich das Dialogfeld öffnet, dann wird kein Gespräch begonnen. Der Wunsch nach Vertiefung wird beim Googlen durch eine Ausweitung der Informationen erfüllt. Die Sehnsucht nach der ehrlichen Meinung eines anderen wird bei Facebook durch „gefällt mir“ oder „teilen“ gestillt. Die Leidenschaft, an einer Sache dran zu bleiben, wird ersetzt durch das Onlinebleiben. Auf eine Frage wird prompt geantwortet, eine Anfrage wird schnell gestellt. Für informiert hält sich, wer jeden freien Augenblick bei spiegel-online vorbeischaut. Nachrichten sind zu Informationen geworden.

Die Macht des Dritten

Obwohl die Tageszeitungen manchen Propheten zufolge schon lange verschwunden sein müssten, gibt es sie noch immer. Wie Umfragen zeigen, wird den Zeitungen mehr getraut als dem Fernsehen und vor allem social media. Neben den Tageszeitungen haben sich monatlich oder auch in größeren Abständen erscheinende Zeitschriften etabliert, die gelesen werden, sonst wären sie schon wieder vom Markt. Eine bestimmte Gruppe in der Gesellschaft hält bewusst Abstand zum Internet, nutzt es als Kommunikationsmedium und Bereitstellungsplattform für Informationen. Um sich eine Meinung zu bilden, wird auf ein Printmedium zurückgegriffen. Psychologisch lässt sich dies z. B. dadurch erklären, dass das Internet mit Manipulation und Spionage, aber auch mit Banalisierung assoziiert wird. Sobald der PC hochgefahren oder das Smartphone eingeschaltet wird, werden Daten erfasst, die ein unbekannter Dritter zu seinen Zwecken nutzen kann. Beim Kauf einer Zeitschrift habe ich vielleicht unnötig Geld ausgegeben, es hat jemand beobachtet, dass ich diese und nicht jene Zeitschrift gekauft habe, doch wenn ich die Artikel lese, weiß nur ich, welche Informationen ich aufnehme. Da ist die Macht eines Dritten begrenzt und ich kann weniger schnell durch einen manipulativen Artikel in den Bann gezogen werden, denn der Artikel ist geschrieben, der kann, sobald er gedruckt ist, nicht mehr personalisiert werden. Ich bin mit dem Artikel allein und kann mich inhaltlich tiefer darauf einlassen. Wie Sokrates lasse ich den Autor des Artikels mich führen, denn das Ziel ist klar und der Weg dorthin geschützt, ich will zu einer eigenen Meinung kommen.

Weder Nachricht noch wissenschaftliches Getue

Informationen und Nachrichten lassen sich mithilfe der neuen Medien schnell finden, wissenschaftliche Erkenntnisse sind ebenso im Netz problemlos nachzulesen. Aufgrund der Vielfalt lassen sich die Nachrichten nicht in ihrer Relevanz bewerten und wissenschaftliche Fakten kaum nachprüfen. Es muss ein eigener Bezugspunkt gefunden werden, der die Beliebigkeit der Daten in eine gewisse Kohärenz bringt und die wissenschaftlichen Ausführungen von ihrer angeblichen Objektivität löst, die oft nichts anderes ist als eine hilflose Reaktion der Wissenschaftler, sich von anderen abgrenzen und bestimmte Regeln einhalten zu müssen, weil aufgrund der Unübersichtlichkeit mehr die Form als der Inhalt zählt. Das Feuilleton, oder ähnlich zu wertende Texte, erlangen daher mehr und mehr Relevanz. Es wird auch differenzierter als der noch übliche Feuilletonteil der Tageszeitungen sein. Ein allgemeines Interesse für Kultur wird sich eher in genauer definierte Interessen oder bestimmte Personengruppen differenzieren. Die Zahl der potenziellen Leser ist begrenzt, da das Gros sich nicht so gerne anstrengt, doch die Bereitschaft wird steigen, Geld für etwas auszugeben, was mich formen oder mäeutisch führen kann und wobei der dunkle Dritte im Netz ausgeschlossen bleibt.

Thomas Holtbernd

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