Es ist an der Zeit, dass die Kirche sich weigert, eine Person als homosexuell einzustufen

Foto: swisshippo / Fotolia.com

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Ein Gastbeitrag von Leo Pfisterer

Aus dem Vatikan wurde mir mitgeteilt, dass ich zu jener Personengruppe gehöre, die in „schwerwiegender Weise“ daran gehindert ist, „korrekte Beziehungen zu Männern und Frauen aufzubauen“ (1). Der Grund dafür sei meine Liebe zu einem Mann. Diese Liebe leite sich „von einer falschen Erziehung, von mangelnder sexueller Reife, von angenommener Gewohnheit, von schlechten Beispielen oder anderen ähnlichen Ursachen“ her. Es bestehe aber auch die Möglichkeit, dass ein „angeborener Trieb“ oder ganz einfach nur eine „pathologische Veranlagung“ vorliegt (2). Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass meine Existenz „Leben und Wohlfahrt einer großen Zahl von Menschen ernsthaft bedroht“ (5) und meine Partnerschaft die Ehe zwischen Mann und Frau beschädigt und zu deren Destabilisierung beiträgt. Mein Leben „stellt eine Beleidigung der Wahrheit des Menschen dar, eine schwere Verletzung der Gerechtigkeit und des Friedens.“(3) Alles in allem sei mein Leben die „traurige Folge einer Zurückweisung Gottes.“ (2)

So zumindest in der Idee eines von der Scholastik des Mittelalters geprägten Menschen-, Gottes- und Weltbildes.

Trotzdem, liebe Leserinnen und Leser, mögen Sie mir bitte „mit Achtung, Mitleid und Takt begegnen. Man hüte sich“ auch davor, mich „in irgend einer Weise „ungerecht zurückzusetzen“, denn auch ich bin berufen, in meinem „Leben den Willen Gottes zu erfüllen.“ (4) In Einheit mit Papst Franziskus können Sie beruhigt sagen: „Wenn jemand schwul ist und den Herrn sucht, wer bin ich, um ihn zu verurteilen? Man darf diese Personen nicht diskriminieren oder ausgrenzen.“ (6)

Die eingangs zitierten Textpassagen stammen nicht aus grauer Vorzeit, auch nicht aus dem Programm einer politischen Partei, die zwischen Ober- und Untermenschen unterscheidet. Diese Worte wurden über mich – und alle gleichgeschlechtlich Liebenden – von hochrangigen Amtsinhabern der römisch-katholischen Kirche in den letzten Jahrzehnten gefällt, um zu erläutern, wer, was, wie und warum wir sind.

Ein Evangelium – eine frohe Botschaft – für Schwule und Lesben findet sich darin nicht. Der Ratschlag, „die Schwierigkeiten, die ihnen aus ihrer Veranlagung erwachsen können, mit dem Kreuzesopfer des Herrn zu verbinden“ (4) ist nicht mehr als eine fromme Floskel und gilt nicht nur für unsereins, auch der speziell an uns gerichtete Aufruf zur Keuschheit ist generell an jeden Getauften gerichtet (4).

Statt für die vielfältige Natur des Menschen, die auch unterschiedliche Ausprägungen der Sexualität beinhaltet, eine Lanze zu brechen, hat die römische Kirche sich verbohrt in ein längst überkommenes Lehrgebäude über Sinn und Zweck von Erotik und Partnerschaft.

Ängste, Nöte, Lebenslügen und Selbstmorde von Betroffenen, die von der Kirche Lebenshilfe – nicht Lebensverurteilung – erwarten, sind leider immer noch Alltag. Teile dieser Realitäten habe auch ich persönlich durchlebt. Lösungswege, die viele Schwule und Lesben in der römischen Kirche gefunden haben, gibt es.

Sie bestehen im Ignorieren dessen, was von Rom kommt und der Integration in die eigene Pfarrgemeinde, die in den seltensten Fällen eine vatikanische Homophobie predigt bzw. lebt. Einige kehren auch Kirche und Religion den Rücken, oder begeben sich auf die Suche nach einer christlichen Gemeinschaft, einer Kirche, in der nicht der Schwule, die Lesbe angenommen werden , sondern wo es einzig um den Menschen und seinen Weg mit und zu Gott geht. Es ist an der Zeit, dass Kirche „sich weigert, eine Person ausschließlich als ‚heterosexuell‘ oder ‚homosexuell‘ einzustufen, und darauf besteht, dass jeder Person dieselbe fundamentale Identität zukommt: Geschöpf zu sein und durch die Gnade Kind Gottes, Erbe des ewigen Lebens.“ (5)

Quellen der Zitate:

1) Instruktion über Kriterien zur Berufungsklärung von Personen mit homosexuellen Tendenzen im Hinblick auf ihre Zulassung für das Priesteramt und zu den heiligen Weihen.

2) Persona Humana – Erklärung zu einigen Fragen der Sexualethik, 1975.

3) Botschaft Seiner Heiligkeit Papst Benedikt XVI. zur Feier des Weltfriedenstages, 1. Januar 2013.

4) Katechismus der Katholischen Kirche.

5) Schreiben der Kongregation für die Glaubenslehre an die Bischöfe der katholischen Kirche über die Seelsorge für homosexuelle Personen 30. Oktober 1986.

6) Papst Franziskus, 29.7. 2013.

7 Gedanken zu “Es ist an der Zeit, dass die Kirche sich weigert, eine Person als homosexuell einzustufen

  1. Ein Beitrag, der die Realität beschreibt; in dessen Folge als ehrlicher Weg nur der Austritt aus der Römisch-Katholischen Kirche oder genauer aus der Person des Öffentlichen Rechts „Römisch-Katholische Kirche“ bleibt. Dieser Schritt mag schmerzlich sein, doch Wahrheit ist dies zumeist. Den Katechismus lese ich so:

    Eine nicht geringe Anzahl von Männern und Frauen sind römisch-katholisch veranlagt. Sie haben diese Veranlagung nicht selbst gewählt; für die meisten von ihnen stellt sie eine Prüfung dar. Ihnen ist mit Achtung, Mitleid und Takt zu begegnen. Man hüte sich, sie in irgend einer Weise ungerecht zurückzusetzen. Auch diese Menschen sind berufen, in ihrem Leben den Willen Gottes zu erfüllen und, wenn sie Christen sind, die Schwierigkeiten, die ihnen aus ihrer Veranlagung erwachsen können, mit dem Kreuzesopfer des Herrn zu vereinen.

  2. Ja, sorry, die Kirche kann nichts anderes sagen, als in der Heiligen Schrift steht. Und die ist eindeutig – Menschen die homosexuele Handlungen vornehmen (Handlung nicht Neigung wird verurteilt) erben das Reich Gottes nicht.

    • Komisch nur, dass man sich in und mit der Kirche ganz „frei nach Schnauze“ an die Hl. Schrift hält. Perikopen, die genehm sind, werden sehr oft bemüht und gar als Begründung einer menschenverachtenden Ideologie verwandt. Nur eben jene, die das eigne kirchliche, episkopale oder gar papile Handeln in Frage stellen, die lässt man geflissentlich unter den berühmten Teppich fallen. Zudem, Inspiartio dei hin oder her, die Bibel ist von Menschen geschrieben. So absolut, wie sie zuweilen ausgelegt wird, ist auch dieses Werk nicht. Von der „historisch-kritischen“ Auslegung mal ganz zu schweigen. Nur würden Zugeständnisse in Fragen der Sexual- und Familienpastoral die noch verbliebene – nicht monetäre – Macht der Casta Meretrix weiter beschneiden. Und was nicht sein darf, das nicht sein kann. Beispiel gefällig: Nur die Römisch-Katholische Kirche schafft es, Menschen als Ketzer zu verdammen und Jahrhunderte später als Heilige zu verehren. Da ist also noch Luft nach oben.

  3. Ein Beitrag, der die Realität in der römisch-katholischen Kirche beschreibt; in dessen Folge als ehrlicher Weg nur der Austritt aus der Römisch-Katholischen Kirche oder genauer aus der Person des Öffentlichen Rechts “Römisch-Katholische Kirche” bleibt.

    –> Vollkommen richtig erkannt und daher treten auch heutzutag die allermeisten homosexuellen Menschen aus der römisch-katholischen Kirche aus.

    UND es gibt bekanntlich auch genügend andere christliche Kirchen im Jahre 2015, die kirchliche Trauungen für gleichgeschlechtliche Paare oder zumindest öffentliche Segnungsgottesdienste nach dem Gang zum Standesamt ermöglicht haben und wo homosexuelle Handlungen nicht sündhaft sind, und wo es sogar offen homosexuelle Bischöfe gibt wie der offen schwule Bischof Guy Erwin in der Evangelical Lutheran Church in America, die offen lesbische Bischöfin Eva Brunne in der Schwedischen Kirche oder der offen schwule Bischof Gene Robinson in der anglikanischen Episkopalkirche in den Vereinigten Staaten.

    Für einen Übertritt bieten sich eine Reihe LGBT-freundlicher Kirchen an, dazu bedarf es nur eines Blickes in die Wikipedia, um sich über diese besseren Kirchen zu informieren:

    * https://de.wikipedia.org/wiki/Segnung_gleichgeschlechtlicher_Paare

  4. Homosexuell zu sein ist keine Suende aber entsprechende Handlungen schon.Der Verkehr zwischen Maennern ist widernatuerlich und das zeigt sich selbstredend in der Verletzung der
    beiden,was den Ausschluss zur Blutspende zur Folge hat!Hoert also auf,so zu tun,als ob o.g.
    normal waere,ist es nicht und wird es nie werden!Jesus sagte zur Ehebrecherin,…auch ich
    verzeihe dir,geh hin und suendige nicht mehr….!Er sagte nicht,mach weiter so,ich werde dich
    segnen und daran sollten auch wir uns halten.Homo’s und Lesben sollten zoelibataer leben,
    wie es ungezaehlte Menschen auf der ganzen Welt tun,ohne gross darueber zu lamentieren.
    JoWaCamerloher

    • Interessant, woher wissen Sie denn das? Sagen Sie bitte nicht, aus dem Buch mit der sprechenden Schlange! Sie haben recht, katholisch zu sein, ist nicht normal, sondern im höchsten Maße widernatürlich. Daran zu glauben, dass Schlangen sprechen, Menschen übers Wasser gehen und Tote auferstehen, zeugt von einer nachhaltigen Störung an Realitätsbewusstsein. Von den Männern, die sich in Frauenkleidern präsentieren, mit ganz viel Spitze mal ganz zu schweigen. Katholiken sollten unbedingt zölibatär leben, wie es ungezählte Menschen auf der ganzen Welt tun, ohne groß darüber zu lamentieren. Und sie sollten sich einen Duden kaufen.

      • Die Frage nach Natürlichkeit und Unnatürlichkeit wird allzu häufig auf einer kulturellen Grundlage beantwortet. Zunächst gibt es entsprechendes (homosexuelles) Verhalten auch in der Tierwelt (Vögel, Delfine, Reptilien im allgemeinen), die unzweifelhaft wohl der Natur angehört. Aber selbst das ist nicht der springende Punkt. Religion, Konfession, Geschlechteridentitäten sind Effekte unserer Kultur und allein schon deshalb nicht als Gesetz zu betrachten. Es ist menschengemacht. Deshalb ist es umso erstaunlicher, dass von hier und dort (und nicht nur von Seiten der Kirche) der Anspruch erhoben wird, die Wahrheit auszusprechen. Niemand kann sagen, wo Natur endet und Kultur beginnt. Wie kann man dann als Teil dieses uneindeutigen Spannungsfeldes ernsthaft eine eindeutige Kategorisierung vornehmen?

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