Hoziers Soulsong: „Take Me To Church“: Homosexualität als Kirche

Der irische Musiker Hozier hat mit seinem Lied homosexuelle Liebe als eine Kirche besungen. Was auf den ersten Blick komisch klingt, hat großen Erfolg. Wie versteht Hozier Kirche in seinem Lied? Worum geht es genau? Eine Auseinandersetzung anhand des Liedtextes und des Musikvideos.

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Der Musiker „Hozier“. Foto: dpa / picture-alliance

Hozier ist frustiert über die katholische Kirche

Hozier, der mit bürgerlichem Namen Andrew Hozier-Byrne heißt, sagt in Interviews er wollte mit seinem Lied gegen „Homophobie“ vorgehen und beschuldigt vor allem die katholische Kirche heuchlerisch und sexualfeindlich zu sein. Wegen des Liedes meinen viele Hozier selbst sei homosexuell, was er weder bestätigt noch verneint. Ob seine Motivation nun in der eigenen Sexualität liegt, in gesellschaftlichen Zuständen oder etwas anderem, bleibt dahingestellt.

Wie das Lied „Take Me To Church” Sexualität zur Kirche erklärt

Kirche wird in dem Liedtext weiblich, als „she“ beschrieben, im Video werden zwei sich liebende Männer gezeigt, von denen einer von einem wütenden Mob zum Scheiterhaufen getragen wird, auf dem eine wertvolle Schatulle von ihm verbrannt wird. Die Kirche des Liedes „Take Me To Church“ bietet keine Absolutheiten und verkündet Anbetung im Schlafzimmer. Der einzige Himmel sei es, allein mit der geliebten Person zu sein. Der Text fährt pathetisch fort: Ich wurde krank geboren, aber ich liebe es. Befiehl mir, dass es mir gut geht. Amen. Amen. Amen. (“I was born sick, but I love it. Command me to be well. Amen Amen Amen.”). Der Refrain beginnt mit den Worten “take me to church“- nimm mich in die Kirche. Das lyrische Ich betet an wie ein Hund am „Schrein deiner Lügen“ („I worship like a dog at the shrine of your lies“). Es nennt seine Sünden und „du kannst deine Messer schärfen“. Es wird um den unsterblichen Tod gebeten und zum „guten Gott“, dem das eigene Leben angeboten wird.

Was deutlich wird, ist die Vergöttlichung der Sexualität, der homosexuellen. In dieser Sexualitätskirche, die eine Liebesbeziehung sein soll, gibt es all das nicht, was man allgemein unter Kirche versteht: Überirdische Heilsversprechen, metaphysische Wahrheiten, göttliche Vergebung und eine Beziehung zu Gott. Alles „Transzendente“, sofern man davon noch sprechen kann, findet in der Sexualität, in der Liebesbeziehung, statt. Man kann hier aber auf der anderen Seite auch eine Kirchenkritik sehen, in der die Moral einfach umgedreht wird. Was Kirche als sündig beschreibt, wird vergöttlicht, was Kirche unheilig findet, wird heilig. Hier mag sich auch die Lebenserfahrung der Betroffenen widerspiegeln und gerade deshalb ist die Empörung über die Kirche so groß: Wie kann etwas „sündig“ genannt werden, dass als heilig und gut erlebt wird? Kirche wird daher nur als „Spaßverderberin“, ja schlimmer noch, als Gegnerin der eigenen Identiät, als Feind der eigenen Wahrheit der Person gesehen. Der Angriff ist fundamental. Der Katechismus wird gemäß den individuellen Bedürfnissen, die man mit der personalen Würde gleichsetzt, umgeschrieben.

Sexualität als religöse Erfahrung

Hier nun kann eine Auseinandersetzung stattfinden: Greift die Kirche unberechtigt in das Leben der Menschen ein und verstellt entgegen ihrer Intention das Heilige, anstatt es zu fördern? Ist in Wahrheit diese Art Sexualität das Heilige? Kann denn eine Liebesbeziehung das, was in dem Lied in sie hineinprojiziert wird, leisten? Es wird sich an den letzten Strohhalm der postreligiösen Zeit geklammert: Nicht mehr bei Gott findet man Trost und Spiritualität, sondern anscheinend im Bett. Dies wird jedoch weder Gott noch der Sexualität gerecht. Die Brüchigkeit vieler Beziehungen heutzutage mag auch damit zusammenhängen, dass unhaltbare Erwartungen und Versprechen damit verbunden werden. Werden religiöse Bedürfnisse in sexuelle Erlebnisse hineinprojiziert, kann das nur scheitern. Natürlich muss sich die Kirche fragen, ob ihre als objektiv behaupteten Moralvorstellungen gegen das gehen können, was Menschen als Kern ihrer Person betrachten. Ob das Sünde sein kann, was anderen heilig scheint. Dabei sollten aber nicht unerfüllbare Erwartungen an Sexualität gestellt werden.

Josef Jung

3 Gedanken zu “Hoziers Soulsong: „Take Me To Church“: Homosexualität als Kirche

  1. Ich hielt es im Video für selbstverständlich, dass es um Europa bzw Amerika ging und für diese Regionen ist das Video nicht nur Übertreibung, sondern eine falsche Darstellung von Tatsachen. Aus welchem Grund? Was Vergöttlichung angeht, so sehe ich diese Behauptung durch den Liedtext bestätigt. Mit freundlichen Grüßen Josef Jung

    • Nein, Herr Jung, das Video ist keine Übertreibung und schon gar nicht eine falsche Darstellung von Tatsachen. Bitte informieren Sie sich über die Gewalt gegen Homosexuelle in europäischen Ländern, z.B. In Ungarn, Bosnien, Kroatien oder – besonders dramatisch – in Russland. Dort gibt es regelmäßig Situationen, in denen der Straßenmob Menschen jagt. Ihre negativ konnotierte These von der Vergöttlichung der Sexualität entbehrt jeder Grundlage. Lesen Sie doch einmal das Hohe Lied der Liebe im Alten Testament, ein Text voller Anspielungen auf Erotik und Sexualität. Würden Sie das auch in einem negativen Sinne als Vergöttlichung sehen? Sexualität hat per se einen göttlichen Charakter, ja mehr noch: Sie ist ein Ort der Gotteserfahrung! Eine Resonanzraum der Offenbarung Gottes. Interessantes Material für diesen Zusammenhang bieten etwa auch die Forschungen zu Theresa von Avila. Theresas mystische Verzückungen haben sexuelle Konnotationen.

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