Jugendliche und Kirche

Wie man lebt wird heute weniger als eine Frage der Ordnung betrachtet, sondern als Folge einer gemeinsamen Absprache. Welche Moral gilt, ist heute meist Verhandlungssache. Für die meisten Christen ist der Katechismus als Orientierung nicht mehr bindend. Im Gegenteil: Was dieser mitunter als „Ordnungswidrigkeit“ bezeichnet, gilt als Zeichen der Coolness, um dazuzugehören. Sexualität und Durchsetzungsvermögen werden gesellschaftlich propagiert, christlicher Glaube gilt als uncool. Mit dem Entdecken der eigenen Männlichkeit/Weiblichkeit beginnt der gesellschaftliche Ausgliederungsritus aus der Kirche.

Foto: dpa/picture-alliance

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Dr. Sommer statt Dr. theol.: BRAVO ersetzt YOUCAT

Aufklärung leistet heute das Internet, weniger die Eltern, noch weniger der Katechismus. (siehe explizit.net Artikel von Thomas Porwol). Die wenigsten Jugendlichen greifen zum „YOUCAT“, dem Katechismus für Jugendliche, um sich dort an Regeln oder Maßstäbe für ihr Verhalten zu holen. Hier hat die Kirche massiv an Bedeutung eingebüßt. Auch wenn die Zeitschrift BRAVO heute längst nicht mehr die Bedeutung hat wie vor zehn oder zwanzig Jahren: Der so genannte „Dr. Sommer“ wird dennoch erheblich häufiger befragt als ein Priester bzw. ein Theologe, eine Theologin, auch wegen des neuen Onlineauftritts der Zeitschrift. Die kirchliche Position interessiert die meisten Jugendlichen in Fragen der Sexualität kaum. Die katholische Position ist nicht die der heutigen Mehrheitsgesellschaft, nicht die, die in Schulen gelehrt wird, nicht die, die Ärzte verkünden, die 16-jährigen Mädchen die Pille verschreiben. Sexualität gehört heute ins Jugendalter, nicht erst in die Ehe. Die Kirche sieht zu und kann nur schweigen.

Die Firmung hat nur noch für die Großeltern Relevanz

Die Firmung, als letzte Möglichkeit mit der Lebenswelt der christlichen Jugend ins Gespräch zu kommen, ist zum Fest der Verabschiedung geworden. Das katholische Sakrament der Firmung, das heute meist im Alter zwischen 14 und 16 Jahren gespendet wird und theologisch als bleibende Salbung des Empfängers mit der Heiligen Geist gilt, soziologisch als der Ritus der kirchlichen Erwachsenenwerdung und vollen Eingliederung, hat oft den gegenteiligen Effekt der Ausgliederung. „Was soll Firmung überhaupt“, so denken und sprechen nicht wenige Jugendliche und ohne Geldspenden der Großeltern gäbe es einige Firmkandidaten weniger. Die Katechesen sind oft fraglich, mitunter schämen sich Jugendliche auch dafür. Was hängen bleibt, ist, wie man Zeit rumkriegen kann, die einen langweilt.

Die Fragen der meisten Jugendlichen sind nicht: Was ist der Heilige Geist und wie wirkt er in mir bei und nach der Firmung, sondern: Wie bekomme ich eine feste Freundin/einen Freund? Wirken die Verhütungsmittel? Sehe ich gut aus? Bin ich als Mann stark genug? Bin ich als Frau attraktiv genug? Wie viel darf ich wiegen, um ein Model bei „Germanys Next Topmodel“ zu werden? Welchen Platz kann der BVB in dieser Saison noch erreichen? Ist Marco Reus schon wieder länger verletzt?

Aber das ist nicht alles. In der Pubertät entwickeln viele Jugendliche ein anderes Verhältnis zu den Eltern, der Umwelt, dem Leben usw. Neben der Sexualität werden auch Aggressionen, Frust, Enttäuschungen und Konkurrenzkämpfe erlebt. Welche Antwort hat die Kirche hierauf?

Die Rezepte und Mittel der 70er Jahre wirken nicht mehr

Es nützt wenig, die Jugendlichen erreichen zu wollen, indem man auf der Gitarre einige Lieder des so genannten „Neuen Geistlichen Lieds“ (NGL) spielt wie „Zeige uns den Weg“, oder Taizélieder bzw. englische Songs anbietet. Das sind Mittel aus der Vergangenheit, die zwar noch einige wenige erreichen, aber das Gros der Jugendlichen nicht interessiert. Der soziale Umgang ist härter geworden, die Lieder spiegeln aber eine kuschelweiche Wohlfühlatmosphäre wider, die nicht das Leben der Jugendlichen ist. Gilt der „gregorianische Choral“ als historisch „überholt“, so gilt NGL selten als „cool“.

Die Distanz zwischen Kirche und moderner Lebenswelt junger Menschen ist bereits so groß, dass die Situation nicht einfach zu kitten ist. Die Gesellschaft hat sich säkularisiert, spricht, arbeitet, lebt und denkt säkular. Die Kirche kann hier nicht mit interner Glaubenssprache, aber auch nicht mit lebensferner „alles-wird-gut“ Attitüde ankommen.

Die Rolle der Kirche für die heutige Jugend

Die Kirche kann heute meist keine Moral mehr vermitteln. Sie ist nicht nur durch die Missbrauchskrise „ideell bankrott“ (Markus Günther, Diaspora Deutschland), sondern vor allem auch sprachlich und lebenswirklich entfernt von der heutigen Jugend. Das Konzept einer „Bekehrung“ gelingt meistens schon deswegen nicht, da heute – aus verständlichen Gründen – eine viel zu große Unsicherheit darüber herrscht, was denn eigentlich das Wahre und Richtige sei.

Die Rolle der Kirche ist eine andere. Sie kann zuhören, da sein, Raum für Probleme und Fragen geben. Die Antworten auf alles hat sie nicht mehr, wenn sie sie je gehabt hat. Dabei besteht immer die Gefahr, in eine reine soziale Rolle abzugleiten, und damit eine Nische zu besetzen, die andere besser ausfüllen können. Aber beim rein Sozialen muss es nicht stehenbleiben. Kirche bedeutet von der ursprünglich griechischen Wortherkunft κυριακόν“ – kyriakon: „dem Herrn gehörig“. Damit ist die göttliche Dimension der Kirche immer Auftrag und Sendung. Aber wie erreicht man da noch die Jugendlichen? Ich meine, nicht indem man vorgefertigte Schablonen für individuelle Probleme anbietet, sondern durch Offenheit für die Eigentlichkeit des/der Jugendlichen. Die Bibel malt kein naives Bild des gutgläubigen Menschen, aber sie spricht vom Menschen als von einem religiösen Wesen. Gott offenbart sich dem Menschen, von Gott geht die Initiative für den Menschen aus. Der Glaube an Gott und an den Menschen als religiösem Wesen ist eine Voraussetzung, um weiterzumachen. Kann die Kirche nicht gerade so den Zugang zu Jugendlichen finden, indem sie zuhört, wie junge Menschen auf das Religiöse stoßen, eine Sehnsucht danach wahrnehmen?

Hier scheint die wahre Herausforderung zu liegen. Im Christentum wird an Gott geglaubt, der etwas mit unserer Welt und unserem Leben zu tun hat. Wenn es gelingt, dies nicht nur theoretisch zu verkünden, sondern praktisch zu sehen, wird Glaube lebendig.

Josef Jung

Ein Gedanke zu “Jugendliche und Kirche

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