Das Feuer hat vorher nur gelodert

Psychische Erkrankungen - Burnout. Foto: dpa/picture-alliance

Psychische Erkrankungen – Burnout. Foto: dpa/picture-alliance

Die medial strukturierte und bestimmte Gesellschaft ist von dem Drang nach Aufmerksamkeit und einer weiteren Spannungsstufe bestimmt. Doch Bilder erschöpfen sich schnell. Wer in der Lage ist, seine Bilder im Kopf entstehen zu lassen, hat einen gewissen Vorteil und kann Spannung kreativer sowie nicht nur reaktiv erzeugen. Der Anzahl derer, die nach einem weiteren Tick für ihre Spannung suchen, steht eine immer größere werdende Menge von Menschen gegenüber, die an Depressionen leiden. Man könnte das mit der steigenden Arbeitsbelastung und dem Stress erklären. Eine solche Argumentation setzte jedoch voraus, dass vorher etwas Brennendes da war, wie es das Konstrukt Burnout suggeriert.

Viele Menschen scheint es in irgendeiner Weise zu beruhigen, dass ihnen erklärt wird, sie wären von der Arbeit und den Zwängen der modernen Gesellschaft erschöpft. Die Vorannahme ist ja, dass sie vor der Erschöpfung Kraft gehabt hätten. Man findet schnell einen Schuldigen und kann sich in eine Opferrolle flüchten. Dies schließt keineswegs aus, dass es ungerechte und unmenschliche Zustände gibt. Befragt man erschöpfte und mit dem Leben unzufriedene Menschen, dann stellt sich oft heraus, dass die freie Zeit vor allem mit Ablenkung gefüllt wird. Untersuchungen über Facebook-Nutzer zeigen z. B., dass nach einer Session ein ungutes Gefühl entsteht, weil die Zeit vergeudet wurde und man Sinnvolles hätte machen können. Der größte Teil der Bevölkerung sitzt mehrere Stunden am Tag vor dem Fernseher. Andere lenken sich ab, indem sie ins Fitnessstudio gehen und offensichtlich etwas Gutes für ihre Gesundheit tun.

Das Eigene

Das Abgucken des Fernsehprogramms oder den regelmäßigen Besuch im Fitnessstudio als etwas Eigenes zu erleben, dürfte äußerst selten sein. Im Grunde genommen ergibt sich aus solchen Tätigkeiten keine Perspektive. Die Frage, was denn die persönliche Note oder ein ureigenes Anliegen sei, können viele Menschen nicht beantworten. Und sie leiden darunter. Die Lebenskunstphilosophie scheint darauf Antworten zu geben und die Regale in den Buchhandlungen sind voll von Lebenshilfebüchern. Selbst Berater werden in ihren Praxen aufgesucht, die sich philosophische Berater nennen. Es wird erwartet, dass man durch die richtigen Fragen zu einer guten Lebensphilosophie gelangt. Falsch ist das sicherlich nicht. Der Weg dahin scheint jedoch über eine notwendig zu gebende Antwort zu laufen: Wer oder was bin ich? Was ist mein Eigenes? Nur etwas, was sich entfalten oder entwickeln kann, ergibt im Rückblick die Grundlage für ein konstruktives Fragen.

Grenzenlos und vorurteilsfrei

Der Blick auf das, was mich in meinem Eigensein ausmacht, ist keineswegs ungefährlich. Ich könnte ja zu der Erkenntnis gelangen, dass ich ein geborener Massenmörder bin. Was mache ich dann? Es brennt in mir, Menschen umzubringen. Soll ich diese Glut anfachen, damit ich mich verwirklichen kann? Zunächst müsste man die Frage mit einem deutlichen Ja beantworten. Nimmt man diese Möglichkeit als ein philosophisches Experiment, dann wird deutlich, dass das Zurückgehen auf mein Eigenes grenzenlos und vorurteilsfrei sein muss, denn nur dann wäre mein Eigenes keine Fassade, sondern der Kern. Und dann gibt es nicht nur die Möglichkeit, dass ich ein Massenmörder bin. Das Spektrum wäre offen und vielfältig. Eine Variante wäre eben auch, dass ich religiös musikalisch bin.

Der Weg ist unbekannt

Was viele Zeitgenossen an einigen Sinnanbietern stört, und was auf der anderen Seite als deutliche Kritik einzubringen ist, das ist die Verwechslung von Weg und Vorschrift bzw. Instruktion. Wenn jemand in sich etwas Eigenes erkennt und es wirklich etwas Eigenes ist, dann kann es dafür keinen klaren Weg geben, da es dieses Eigene so noch gar nicht gegeben hat. Der Weg ist unbekannt. Auch ein Lebensphilosoph oder Weiser kennt diesen Weg nicht. Wer den Weg geht, der verlässt sich auf einen Begleiter, den es irdisch und real nicht gibt. Die Konjunktur der Engel als Begleiter ist hiermit wohl zu erklären. Ein voreiliges Erklären, dass das mit den Engeln reiner Kitsch ist oder bestimmte Vorstellungen absurd, fehlgeleitet oder unlogisch sind, verstärkt die Gefahr, dass der Widerstand vergrößert und dem tieferliegenden Eigenen ausgewichen wird. Die Fähigkeit, Atheist und Gläubiger gleichzeitig sein zu können, ist wohl die religiöse Musikalität, die bei der persönliche Suche nach dem Eigenen wie bei der Begleitung von Suchenden das Feuer darstellt, das sich aus dem Eigenen ergibt.

© Thomas Holtbernd

Ein Gedanke zu “Das Feuer hat vorher nur gelodert

  1. Das Leben im Defizit macht uns alle immer mehr zu süchtigen (siechen) Suchern.
    So wird die Gier zum „Feuer“…!
    Vielleicht schenkt uns wirklich nur die Mystik den Frieden:
    die Mystik des Mitleids mit dem Geschaffenen,das nichts weiss…

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