Lernen ohne Anstrengung – Das Internet verschärft Fehler der Schulreformen

Fot zu dig.Med

Foto: Eckhard Bieger

 Eine Textresistenz der Studierenden hat Matthias Schmidt auf die Nutzung von Google und Facebook zurückgeführt. Es stimmt: das Internet und dann noch einmal die Social Media haben neue Kommunikationsmuster hervorgebracht und das Smartphone zu einem Körperteil gemacht. Hier soll gezeigt werden, dass mit diesen Medien ein Trend verschärft wird, den die Pädagogik schon seit den siebziger Jahren auf den Weg gebracht hat. Es geht um den Umgang mit dem natürlichen Widerwillen jeder Generation gegen das Sprachenlernen und Aufsatzschreiben.

Bildungsreformen mit unterschiedlicher Wirkung

Jede Bildungsreform versprach ein Mehr an Sprachkompetenz. Wenn sie erfolgreich war, konnten mehr Menschen Lesen, Schreiben und beherrschten eine Fremdsprache. Sie hatten die wichtige Literatur kennengelernt, Schreiben brachte den Aufschwung der Wissenschaften. Seit den sog. Bildungsreformen gehen wir einen anderen Weg. Nicht erst das Internet ist mit dem Versprechen angetreten: „Diese Mühen haben ein Ende“. Sicher wollte man mehr Jungen und Mädchen eines Jahrgangs Bildung schmackhaft machen und hat die Eingangsvoraussetzungen erleichtert. Der Kampf zwischen Gesamtschule und Gymnasium geht bis heute weiter. Zugleich ist aber inzwischen das Anspruchsniveau für die Geisteswissenschaften nicht nur in der Oberstufe, sondern auch an den Universitäten ständig abgesenkt worden. Wer sich die Vorlesungsmitschriften angeeignet hat, besteht die Prüfung. Ob die Studierenden die zentralen Texte eines Faches gelesen haben, spielt keine Rolle mehr. Inzwischen kommen Videos hinzu, denn mit einem Videofilm kann man sich die schwierigsten Zusammenhänge „leicht reinziehen.“ Offensichtlich lassen Schule und Universität den Studierenden genügend Zeit, sich mit mehr mit dem Smartphone als mit den Büchern und Fachzeitschriften des Faches zu beschäftigen. Entscheidend ist nämlich nicht mehr, Zusammenhänge zu verstehen, sondern ständig vernetzt zu sein, mitzubekommen, was sich gerade tut. Die von der Gesellschaft für die „Grundversorgung“ eingerichteten Medien, das sind die öffentlich-rechtlich finanzierten und damit garantierten Radio- und Fernsehprogramme, haben den Schulfunk längst eingestellt und schwierige Sendungen aus den Kulturprogrammen herausgenommen. Man will dem Hörer bzw. Zuschauer schwere Kost nicht mehr zumuten. Eine Ausnahme sind nur die aufwändig produzierenden Dokumentarfilme, in denen man, auch durch eingestreute Inszenierungen, die Epochen der Geschichte, die Tierwelt und wichtige Erkenntnisse der Naturwissenschaften kennenlernen kann.

Das Gedächtnis wird ins Internet verlagert

Noch entscheidender dürfte die Gewissheit sein, über das Smartphone jederzeit auf alle Wissensbestände zugreifen zu können. Die Zielsetzung, mit dem Internet allen Bürgern die Wissensbestände der Gesellschaft zugänglich gemacht zu haben, hat das Internet erfüllt. Nicht vorgesehen hat man die Reaktion der Onliner: Wenn es im Internet jederzeit zu finden ist, warum muss ich es mir noch aneignen. Lernen kann so auf das geforderte Prüfungswissen reduziert werden. Alles andere findet man im Internet, sollte man es später überhaupt brauchen. Bologna hat die Studierenden dann endgültig davon überzeugt, dass Prüfungen einer überholten Studienwelt angehören. Man lässt sie über sich ergehen, kann das Gelernte jedoch gleich vergessen.

Das Netz lernt stellvertretend

Für alle Wissenschaften, die sich mit Sprachdokumenten beschäftigen, führt das Internet eine Entwicklung weiter, die die Bildungsreformen schon angelegt hatten: Lernen mit Anstrengung ist eine Entwicklungsstufe, die es zu überwinden gilt. Das scheint deshalb möglich, weil sich mehr unbewusst die Meinung herausgebildet hat, dass das Internet alles weiß, was man für ein Examen braucht. Nicht mehr die Bibliothek ist der Ort, an dem wissenschaftliche Fragen beantwortet werden, sondern der stets mitgeführte Bildschirm.

Da das Internet ein ständig lernendes technisches Konstrukt ist, können Schüler und Studierende die Lernleistung an das Netz delegieren. „Das Internet lernt stündlich, ich kann die neusten Ergebnisse einfach abrufen“.

Das Internet wurde seitens der Universitäten sich selbst überlassen

Es waren eigentlich die Universitäten mit ihren Rechenzentren, die das Internet bestimmten, als es aus den Händen der Militärs der Allgemeinheit übergeben wurde. Erst Ende der neunziger Jahre entdeckten der Handel und die Dienstleister dieses Medium. Das führte zur Gründung vieler Plattformen, die Firmen konnten ihre Aktien an der Börse platzieren, dem Boom, 2.000 platze die Blase. Zwar haben die Universitäten Homepages, sie bekommen im Ranking von Google einen Bonus, aber faktisch läuft der wissenschaftliche Diskurs weiter über Fachzeitschriften und Kongresse. Erst wenn die Geisteswissenschaften bereit sind, das Netz zu prägen, die Schüler und Studierenden da abzuholen, wo sie jetzt sind, nämlich online und sie da aber nicht zu belassen, wird der von Matthias Schmidt beschriebene Bildungsnotstand überwunden werden. Mit einer Strategie gegen das Netz wird man die nachwachsenden Jahrgänge nicht überzeugen.

 

Eckhard Bieger S.J.

 

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