Das Leid mit dem Leid

Warum gerade ich? Was will das Schicksal von mir? Oder auch, warum lässt Gott das zu? Solche Fragen quälten die Menschen wohl zu allen Zeiten. Tröster sind schnell bei der Hand und haben Lösungen oder Glaubensangebote auch gleich parat. Die Absichten mögen redlich sein, doch scheinen sie oft mehr der eigenen Hilflosigkeit zu entspringen. Mit kruden Argumenten wird dem Leidenden die Wirklichkeit so zurechtgebogen, dass die gegebenen Antworten dazu passen. Die Frage nach dem Warum des Leids wird eher wegerklärt als geklärt. Es wird nicht eingestanden, dass es eine Antwort auf das Warum vielleicht gar nicht gibt. Diese Möglichkeit wird ausgeschlossen und unerbittlich weiter die Frage nach dem Warum gestellt. Eine andere Herangehensweise an dieses Thema ist notwendig, denn dem Leidenden wird nicht nur sein Schmerz zugemutet, sondern auch die Last der Sinnlosigkeit ob seines erfahrenen Schicksals.

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Lässt man die Frage nach dem Warum beiseite und nimmt das Leid als das, was es ist, nämlich als eine radikale Infragestellung der Lebensplanung und Lebensvorstellung, dann bleibt ein nüchternes Auf-die-Welt-gucken zurück. Die Etymologie kann dabei hilfreiche Hinweise für den Blick auf die Welt geben. Die Herkunft des Wortes Leid ist dabei nicht ganz eindeutig. Das mittelhochdeutsche leit ist eine Substantivierung des germanischen Adjektivs leip(th)a, was betrüblich, widerwärtig bedeutet. Das Verb leiden ist durch nachträgliche Attraktion mit Leid verbunden worden, die Bedeutung veränderte sich dadurch von ‚weggehen‘ zu ‚leiden‘. (s. dazu Kluge, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache) Leid, etwas vereinfacht formuliert, könnte damit das Widerwärtige sein, von dem man weggeht. Nicht die Erklärung des Widerwärtigen steht dabei im Fokus, sondern das Loslassen und Weggehen. Im Sinne Ludwig Wittgensteins könnte man formulieren: Wozu man nichts erklären kann, dazu schweige man und lebe anders weiter.

Dank den Atheisten

Man kann den Atheisten dankbar dafür sein, dass sie immer wieder darauf hinweisen, wie mit scheinbar überzeugenden Erklärungen Geschäfte gemacht werden, wie ein Prothesengott lediglich dazu dient, die Menschen zu beruhigen und letztendlich dumm zu halten. Die Aufklärung führte die Menschen nicht nur aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit heraus, sondern ermutigte dazu, sich des eigenen Verstandes zu bedienen und somit Fragen aufzugeben, die mit dem menschlichen Verstand nicht zu beantworten sind. Der aufgeklärte Mensch kann sich dem Leid stellen und überlegen, wie er mit Schicksalsschlägen umgehen will, eine Lösung jedoch, die als verstandesmäßige Erklärung sein Leid lindern könnte, ist kontraproduktiv und wider die Aufklärung. Und es muss auch als eine Alternative akzeptiert werden, dass ein Leidender sich von Gott abwendet, weil er durch das Leid erkannt hat, dass sein Glaube ihn am Leben hindert. Die Frage nach der Existenz Gottes ist eine akademische Frage. Die Diskussionen zwischen Atheisten und Gläubigen sollten vielmehr darauf abzielen, wie der Mensch ein gelungenes Leben führen kann. Das entscheidet sich weniger an der Frage, ob es einen Gott gibt oder nicht, sondern eher an der lebenspraktischen Frage des Umgangs mit dem Leid.

Das Leid mit dem Leid

Es ist die Frage, wie es gekommen ist, bestimmte Ereignisse als Leid zu bezeichnen? Es mag radikal klingen und wie ein Zynismus denjenigen gegenüber, die furchtbare Erfahrungen machen müssen, wenn man nicht von Leid spricht und diese Bezeichnung sogar ablehnt. Solche Erfahrungen jedoch nicht als Leid zu benennen, bedeutet nicht automatisch, kein Mitgefühl für den anderen Menschen zu haben. Es ist die Weigerung, die Sicht auf Welt eines anderen Menschen so mitzuvollziehen, auch wenn man verstehen kann, wie jemand zu dieser Sicht gekommen ist. Die Ablehnung kann sich zunächst darauf beziehen, dass das, was als Leid angeblich erfahren wird, der objektiven Wirklichkeit nicht entspricht. So gibt es den eingebildeten Kranken, der von Moliére eindrücklich beschrieben wurde. Was ist der angemessene Umgang mit einem Kranken, der uns etwas bei sich als krank und leidvoll beschreibt, um dem anderen Zuwendung abzutrotzen? Adolf Freiherr von Knigge äußerte sich hierzu sehr eindringlich: „Auch gibt es Menschen, die dadurch Interesse zu erwecken glauben, dass sie sich kränklich stellen. Das ist eine törichte Schwäche. . […]. Man suche solche Leute von ihrer Albernheit zurück zu führen, sie zu überzeugen, dass es besser sei, Bewunderung als Mitleid zu erregen.“

Für beide Seiten wäre es nicht förderlich, auf solche Albernheiten einzugehen. Die Schwierigkeit besteht natürlich darin zu überprüfen, ob subjektiv nicht doch eine Leiderfahrung vorliegt und wie eine eingebildete genauer von einer tatsächlichen Krankheit zu unterscheiden sei. Wie dem auch sei, der grundlegende Aspekt, auf den Knigge hinweist, ist, dass dem „Leidenden“ die Macht genommen werden muss, die Sicht der Dinge seinem Gusto nach zu bestimmen und damit Einfluss auf die Gefühle sowie das Handeln des Anderen zu nehmen. Das Argument, Leid sei subjektiv, ist kein Argument dafür, die damit verbundene Weltsicht zu übernehmen. Dem anderen kann etwas zugestanden werden, doch wäre die totale Zustimmung auch die Banalisierung des eigenen Weltbilds. Die Fähigkeit zur Unterscheidung der Geister ginge verloren, würde man die Sicht des Einzelnen einfach so akzeptieren. Fehlt der Bezug zu dem, was man als eine reife Auseinandersetzung mit dem Leid erkannt hat, dann wird gerade dadurch das Leid verstärkt, weil dem Einzelnen nicht verdeutlicht wird, was ein reifer Umgang wäre und wie er zu einem gelingenden Umgang mit seinen Erfahrungen kommen könnte.

Fragen der Reife

Wenn manche einwerfen mögen, dass die persönliche Reife etwas sehr Individuelles sei und jeder etwas anderes darunter verstehe, so verweist gerade ein solcher Deutungsanspruch auf ein unreifes Entscheidungsvermögen. Ohne Bezugspunkt kann überhaupt keine Aussage über Reife gemacht werden. Bestimmte Annahmen darüber, was Reife im Einzelnen sei, lassen sich diskutieren. Wird Reife als das Ergebnis von Entwicklungsschritten definiert, dann muss angenommen werden, dass auf einer unteren Entwicklungsstufe nicht oder nur annäherungsweise verstanden werden kann, was in einem reiferen Stadium selbstverständlich ist. Die Entwicklungsstadien des Kindes, wie sie etwa Piaget vorgenommen hat, können hier als ein Maßstab gelten. Und auch hier haben Neoatheisten durchaus einen wichtigen Aspekt angesprochen. Wenn durch die Evolution eine Entwicklung beschrieben ist, dann muss, wie auch immer man das benennen und genauer definieren will, der Mensch im Umgang mit nichtbeherrschbaren Einflüssen gereift sein und Gott oder das Göttliche der evolutionären Entwicklung entsprechend verstanden werden. Teilhard de Chardin hat den Gedanken der Evolutionstheorie aufgenommen und in christliche Sprache übersetzt. Die Frage nach einer Teleologie ergibt sich nur dann, wenn die Evolutionstheorie als Abstraktum und zeitunabhängig diskutiert wird, dass jedoch Entwicklungen einen Einfluss auf das Denken und Fühlen der jetzt lebenden Menschen hat, ist nur logisch, auch wenn ein Ziel dieser Entwicklungen nicht feststellbar oder erkennbar ist. Damit ist es auch nur konsequent, dass ein Mensch im 21. Jahrhundert nicht mehr so über Gott sprechen kann wie ein Mensch im 6. Jahrhundert. Mit dem Wandel der Gottesvorstellungen haben sich auch die Ansichten über Leid und Gerechtigkeit verändert. Atheisten sind vielleicht zu voreilig damit, Gott gleich als tot zu erklären und Gläubige sind zu unbeweglich, um Gott neu denken zu können und gewohnte Vorstellungen aufzugeben.

Erwachsener Umgang mit Gerechtigkeit

Die Frage des Leids kann auf den Aspekt der Gerechtigkeit reduziert werden. In der moralischen Entwicklung des Kindes lassen sich deutliche Schritte in der Auffassung von Gerechtigkeit erkennen. Und auch die Geschichte der Völker kennt verschiedene Auffassungen von Gerechtigkeit. Nimmt man jedoch solche Unterschiede als Folge der Entwicklung an, dann kann nicht mehr von Leid im eigentlichen Sinne gesprochen werden, sondern von verschiedenen kognitiven Möglichkeiten im Umgang mit der Wirklichkeit. Etwas, was als ungerecht erlebt wird, korreliert mit den kognitiven Möglichkeiten des Erkennens. Als Leid wird das erfahren, was mit dem jeweiligen Entwicklungsschritt nicht kongruent ist. In einem nächsten kognitiven Stadium wird das Leiden unter jener Ungerechtigkeit allenfalls als Wachstumsschmerz interpretiert. Das Leiden als solches wird von Entwicklungsstufe zu Entwicklungsstufe immer mehr als eine fehlende Erkenntnis wahrgenommen. Ob der Mensch je eine Stufe erreichen wird, wo er kein Leid mehr empfindet, weil er die ausreichende Erkenntnis besitzt, ist spekulativ. Grundsätzlich ist anzunehmen, dass das, was als Leid erlebt wird, eine Erkenntnisschwäche ist, die über den Verstand hinaus geht und eher als spirituelle Krise bezeichnet werden sollte. Im Umgang mit Menschen, die Schlimmes erfahren haben, hilft kein Trost, der das Unglück erklären will, es hilft auch nicht, einen liebenden Gott anzubieten. Hat der „Tröstende“ nicht im Blick, dass Entwicklung möglich ist und weiß er nicht, welche Erkenntnis dieser Schritt bringen kann, dann verstärkt er nur das unglückliche Gefühl.

Thomas Holtbernd

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2 Gedanken zu “Das Leid mit dem Leid

  1. Gebiert nicht erst das Bewusstwerden von Leid die Frage nach dem Sinn und damit die metaphysische Frage nach einem Gott ?
    Oder vielleicht anders: gäbe es kein Leid,gäbe es nicht die Frage nach Gott…

  2. Ich möchte nur mit einmem Gedanken von Johan Baptist Metz eine Ergänzung machen:
    „Ich weigere mich, das Leidensthema in Gott hineinzutragen.
    Ich plädiere dafür, dass das Mysterium des Leidens dem Menschen zu lassen und es Gott erst gar nicht zu gönnen, sondern mit ihm im betenden Streit zu bleiben, der eigentlich nicht aufgehoben werden kann – natürlich auch wissend um den vergebenden Gott.
    Ich halte mit Unerbittlichkeit an der Allmacht Gottes fest.“(Metz, Johann B. ,: Gott. Wider den Mythos von der Ewigkeit der Zeit, Mainz 1999, S. 54 f):

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