Religiöser Fundamentalismus am Beispiel des Kinofilms „Kreuzweg“

Im Frühjahr 2014 lief der Film „Kreuzweg“ in den Kinos. Am 24. Oktober 2014 erschien er auf DVD. Er lief meist nur in Nischenkinos und handelt von religiös-katholischem Fanatismus, der bis in den Tod führt. Das Thema des religiösen Fundamentalismus wird im Westen meist nur mit dem Islam verbunden. Es gibt ihn aber auch im Christentum und er ist ein aktuelles Phänomen. Anhand der Stationen des Kreuzwegs wird im Film in die einzelnen Szenen eingeleitet und dargestellt,  dass Religion krank machen kann. Aber es geht auch um etwas anderes. Welche Botschaft wird uns mitgeteilt?

Foto: dpa / picture-alliance

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Die Ausgangslage

Maria, ein 14-jähriges Mädchen aus Südwestdeutschland, ist mit einigen Gleichaltrigen beim Firmunterricht. Dieser wird gehalten von einem Priester der katholischen „Paulusbruderschaft“. Wer sich in der katholischen Welt auskennt, merkt sofort, wer mit  der Paulusbruderschaft in der wirklichen Welt gemeint ist: Die traditionalistische Priesterbruderschaft St. Pius X., kurz „Piusbruderschaft“, die 1970 vom französischen Bischof Marcel Lefebvre gegründet wurde und sich zu einem Protestkatholizismus gegen das 2. Vatikanische Konzil entwickelt hat. Das 2. Vatikanische Konzil hat nach Lefebvre und seinen Anhängen den wahren katholischen Glauben zugunsten modernistischer Anpassung verfälscht. Messen in Volkssprache, ein neuer Ritus, Handkommunion, Ökumene, Religionsfreiheit, Aufklärung, sowie alles was dem traditionellen Denken und Lebensstil zuwiderläuft, gilt als unkatholisch und führt in die Hölle. Maria ist ein sensibles und strebsames Mädchen. Von allen Firmlingen hat sie die Unterweisung des Priesters am besten verinnerlicht und verstanden. Der Priester fragt, wieso es gerade heute so wichtig sei Soldaten Jesu Christi zu sein. Maria kennt die reine Lehre und antwortet punktgenau, weil es nicht mehr viele davon gebe, heute viele Katholiken in die moderne Messe gingen, die Kommunion in die Hand nähmen und  „im Zustand der Todsünde leben“.

Was ist das: „Zustand der Todsünde“? Der Priester weiß ganz genau, was das ist: Der ganze moderne Lebensstil, Popmusik, die satanische Rhythmen enthalte, die Zeitschrift BRAVO und andere Verführungen des Teufels, die nur ein Ziel hätten, nämlich zur Todsünde der Unkeuschheit zu verführen. Dagegen müsse man den wahren Glauben mit dem Leben verteidigen. Das Damoklesschwert der Unkeuschheit schwebt die ganze Zeit über dem Film. Damit ist jede Form der Sexualität in Tat und Gedanken gemeint, die sich außerhalb der Ehe abspielt. Auch Gedanken können schon ins Höllenfeuer führen. Sexualität wird in dieser Glaubenswelt im Grunde nur aus der Perspektive der Angst, Unreinheit und Gefahr betrachtet, als Versuchungswerk des Teufels.

Der traditionalistische Zirkel scheint voll von Sexualneurotikern zu sein. Ohnehin wirkt vieles der Paulusbruderschaft eher pathologisch als katholisch. Klar ist: Um den Angriffen des Satans zu entgehen, muss man sich dem Lebensstil der heutigen Welt verweigern. Unkeuschheit und Moderne, im Grunde Synonyme, müssen widerstanden werden, um die Seele zu retten. Das ist die Aufgabe des Soldaten Jesu Christi: Ein alternatives Glaubensleben, das zum Ziel hat, möglichst viele Seelen zu retten, von der Moderne in die Tradition zu bekehren. Die Paulusbruderschaft ist im Besitz der Wahrheit, diese führt zum Himmel, der moderne Irrtum in die Hölle. Wer also zur Bruderschaft gehört, lebt ständig außerhalb der Gesellschaft, ist Gesinnungsaußenseiter. Die Frage ist allerdings, ob der angebliche christliche Glaube sich nicht als Dualismus zwischen Gott und Teufel entpuppt und in Wirklichkeit eher manichäisch als christlich ist.

Die Mutter Marias

Der Film zeichnet ein Psychogramm der Familie Marias. Die Eltern sind überzeugte Anhänger der Paulusbruderschaft. Am deutlichsten sticht die Mutter hervor. Diese ist eine kalte, strenge Frau, eine Art Karikatur „Fräulein Rottenmeiers“ im Roman/der Serie Heidi. Ordnung geht über alles. Die Wahrheit des Glaubens gilt es gegen den Zeitgeist und die böse modernistische Welt zu verteidigen. Der Mensch ist dazu da, seine Seele zu retten, indem er gottgefällig, das heißt nach den Regeln der Paulusbruderschaft, lebt. Maria will ihr Leben Gott opfern. Das Wort Opfer ist ein Kernbegriff in diesem Film. Gott gefällt es, wenn der Sünder Opfer bringt. Das Opfer führt zum Heil. Mal zieht Maria dafür in der Kälte ihre Jacke aus -um für Gott zu leiden. Zuletzt will sie ihr Leben „aufopfern“, damit ihr jüngster Bruder, der mit vier Jahren nicht sprechen kann, das Sprechen lernt.

Der Plan ist ein Tauschhandel mit Gott: ihr Leben gegen die geistige Entwicklung ihres Bruders. Der Plan wächst langsam heran. Maria ist kein hässliches Mädchen, trotz aller Ablehnung der Gesellschaft besucht sie eine normale Schule. Dort findet ihr Schulkamerad Christian Gefallen an ihr und sie an ihm. Als er sie einlädt mit ihm in den Kirchenchor zu gehen, muss Maria ablehnen, da dort modernistische Gospelmusik gesungen werde. Auch Eis essen und Kinobesuche muss sie ablehnen, da die Gefahr der Unkeuschheit drohe. Das ewige Leben ist die oberste Maxime und besser kurz auf Erden leiden, als mit dem ewigen Höllenfeuer bestraft zu werden. Als die Familie nach der Beichte eines Abends am Tisch sitzt und Maria aus Angst Nichtigkeiten ihrer Mutter als Beichtbuße mitteilt, schreit die Mutter Maria an und ist bestürzt über ihr Verhalten.

Vor allem der mögliche Kontakt zu Christian wird als Gefahr gesehen. Maria fängt schließlich an zu weinen. Doch das verbittet sich die Mutter. Maria hat nicht zu weinen. Sie hat diszipliniert zu sein, Ruhe zu geben, der ewigen Wahrheit zu folgen, Anstand, Sitte, Glaube zu wahren. Als Zuschauer möchte man am liebsten in die Szene springen und Maria von dieser Familie retten, die sie innerlich missbraucht.

Opfer bis in den Tod

Marias Verhalten wird immer extremer. Sie verweigert im Sportunterricht sich zu Popmusik zu bewegen, da diese „satanische Rhythmen“ enthalte. Daraufhin wird Maria gemobbt. Auch ihre Nahrungsaufnahme geht immer mehr zurück. Doch ihr Entschluss ist nun endgültig: ihr Leben Gott zu opfern für ihren Bruder. Während der Bischof Maria die Firmung spendet, bricht sie zusammen. Nach einem Arztbesuch wird sie wegen Unterernährung und Fiebers in ein Krankenhaus überwiesen. Dort ist vor allem das Au-pair-Mädchen der Familie, die Französin Bernadette, bei Maria. Zu ihr hat sie mehr Vertrauen als zu ihrer Mutter. Im Gegensatz zur Mutter ist Bernadette liebevoll und nicht gefangen im Satanskampf. Maria erzählt Bernadette über ihren Entschluss. Sie möchte nur noch die heilige Kommunion empfangen und dann sterben. Wegen der permanenten Verweigerung der Nahrungsaufnahme wird sie schließlich auf die Intensivstation gebracht. Dort steht der Priester mit ihrer Mutter und spendet ihr die Heilige Kommunion.

Doch das Allerheiligste wird zum Allerschädlichsten. Maria ist nicht mehr an feste Nahrung gewöhnt. Noch bevor sie die Hostie verschlucken kann, versagt ihr Herz zu schlagen. Hier nun wirkt es arg konstruiert, die Religionskritik ziemlich aufgesetzt, es wird ein extremer Gegensatz zwischen Medizin und Glauben hergestellt: hier die lebenserhaltende Medizin, dort die tödliche Religion. Der  Film überspitzt zwar die ganze Zeit, die Häufungen der Überzeichnungen lassen ihn aber fast zu einer Satire werden.

Auch die Wiederbelebungsmaßnahmen versagen. Ihr vierjähriger Bruder, der bisher nie auch nur ein Wort gesagt hatte, sagt plötzlich: „Maria“  und stammelt einige weitere Worte. Dies ist eine der emotionalsten Szenen des Films. Trauer und Freude vermischen sich zu bitterster Grausamkeit. Trauer, weil Maria stirbt, Freude weil ihr Bruder redet. Aber eigentlich kann man sich nicht freuen.

Der Zweck heiligt bekanntlich nicht die Mittel und ein Gott, der den Tod Marias will, damit ihr Bruder redet, ihr kein Gott, den man lieben, sondern nur verachten kann. Albert Camus lässt den Arzt Rieux in seinem Roman „Die Pest“ auf die Aussage eines Priesters, dass man vielleicht lieben müsse, was wir nicht verstehen könnten, antworten: „Und ich werde mich bis zum Tod weigern eine Schöpfung zu lieben, in der Kinder gemartert werden.“ Die Moral protestiert gegen Gott.

Marias Mutter und ihr Vater suchen beim Bestatter „Feuerbach“ (wohl Bezugnahme auf den Religionskritiker Ludwig Feuerbach im 19. Jahrhundert) einen Sarg für Maria aus. Er soll weiß sein. Zunächst ist die Mutter überzeugt von der Heiligkeit Marias und das dass Opfer ihrer Tochter dazu geführt habe, dass deren jüngster Bruder zum ersten Mal gesprochen habe. Sie hätte nie wirklich gesündigt und sei eine Heilige, die im Himmel sei. Doch hält sie ihre Konstruktion nicht durch. Der Vater, der immer schweigsam war, phlegmatisch wie Gerhard Hauptmanns Bahnwärter Thiel, ohne jedoch durchzudrehen, erträgt das nicht mehr, steht auf und geht zum Fenster. Die Mutter hält es auch nicht mehr aus. Sie kann nicht mehr, verliert die Fassung und muss krampfartig weinen.

Angesichts des Todes ihrer Tochter sind erst mal ewige Wahrheiten und himmlische Vertröstungen egal. Eine Wahrheit die das Leben nicht fördert, sondern verachtet wird brutal als fanatische Ideologie demaskiert, die ein Verbrechen ist. Marias Schicksal erinnert an den tragischen Tod der strenggläubigen Katholikin Anneliese Michel, die sich in den 70er Jahren in Wahnvorstellungen als vom Teufel besessen ansah, ebenfalls Nahrung verweigerte und letztlich entkräftet starb. Religionssensible Menschen wie Maria können durch emotionale Überforderung dazu neigen das Leben aufzugeben.

Was man vom Film lernen kann

Allerdings wirken der Opfersuizid Marias und die extrem kalte Mutter im Grunde zu konstruiert und überzogen, um eine echte Auseinandersetzung mit dem Fundamentalismus zu sein. Können Eltern wirklich derart herzlos mit ihren Kindern umgehen? Sind nicht auch Eltern fundamentalistischer Strömungen letztlich empathische Menschen? Der Film zeigt immerhin, dass die Paulusbruderschaft zwar Soldaten Jesu Christi als antimoderne Gesinnungsgenossen will, jedoch keine sich suizidierenden Kreuzritter.

Die Überdehnung des  traditionalistisch-katholischen Mileus erschwert oftmals die Auseinandersetzung mit eben diesem. Sind deren Mitglieder nicht zugleich Opfer und Täter ihrer Ideologie? Suchen sie im Grunde in der vermeintlichen Glaubenswahrheit der Paulusbruderschaft nicht Schutz und Sicherheit vor ihren Ängsten und Unsicherheiten? Ich denke, es hätte dem Film besser getan, wenn der die wahre Tragik viel öfter gezeigt hätte. Nämlich, dass die Paulusbruderschaft – wie als andere fundamentalistische Strömungen – eine Anhäufung von enttäuschten und haltsuchenden Menschen ist, die an ihrer vermeintlich fest konstruierten Welt wie ängstlich-verzweifelte festhalten und es nicht schaffen ihr Leben wie andere zu leben. Anstatt Unsicherheiten zu akzeptieren und dennoch eine vertraute Haltung zum Leben einzunehmen, sperren sie sich selbst in ein Gefängnis, das man von innen verschlossen hat, weil es einfacher ist in bekannter Enge als unbekannter Weite zu leben. Als dramaturgisches Mittel eignet sich die Zuspitzung jedoch sehr wohl. Der Film will wohl wie die Dramen der Aufklärung durch Mitgefühl und Entsetzen lehren, dass Fundamentalismus und Fanatismus in den Tod führen können, Wahrheit nicht gegen Liebe ausgespielt werden kann, wir gar nicht in dem Maße über sie verfügen, wie die Paulusbruderschaft glauben machen will.

Ohne Liebe und Freiheit ist kein echtes Leben möglich. Wer absolute Sicherheit und Wahrheit will, wird nur einen Totalitarismus errichten, der Leben unmöglich macht. Maria ist dafür die tragische Zeugin. Sie ist tot. Nichts wird sie zurückbringen. In der letzten Szene sieht man, wie das Grab von einem Bagger mit Erde zugeschüttet wird. Christian bringt Blumen zum Grab. Eine Ecke des Sargs ist noch zu sehen. Sie ist weiß.

Josef Jung

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