Kirche und Krieg. Zwischen Gehorsamspflicht und Gewissensentscheidung

Heute, im Jahr 2014, ist die Welt in einer der unsichersten Lagen seit langem: Krieg in der Ukraine, Krieg im Nahen Osten, Ebola in Afrika und wirtschaftliche Krisen in Westeuropa. Das alles in einem Jahr, in dem es unrühmliche Jubiläen gibt. Vor Jahren begann der Erste, vor 75 Jahren der Zweite Weltkrieg. In beiden Kriegen kämpften Staaten gegen Staaten und ideologische Systeme gegen deren Widerparte. Aber auch Christen und Kirchen spielten eine Rolle in ihnen. Wie sah diese aus? Welche Lehre und welche Haltung nahmen Christen und die katholischen Amtsträger in ihnen ein?

Augustinus und die Lehre vom gerechten Krieg

Der bedeutendste lateinische Kirchenvater, Augustinus, ist auch hier, wie bei fast allen theologischen Positionen der katholischen Kirche, der maßgebliche Impulsgeber. In seiner Schrift „De Civitate Dei“ – über  den Gottesstaat -, schreibt er, dass Krieg grundsätzlich dem Frieden zu dienen habe, er also für die Verteidigung des Friedens zu führen sei. Doch Augustinus geht noch weiter. Im Römerbrief  heißt es:

„Denn es gibt keine staatliche Gewalt, die nicht von Gott stammt; jede ist von Gott eingesetzt. Wer sich daher der staatlichen Gewalt widersetzt, stellt sich gegen die Ordnung Gottes, und wer sich ihm entgegenstellt, wird dem Gericht verfallen.“(Röm. 13,1f).

Augustinus interpretiert dies  in  „Contra Faustum“, einem Werk gegen den Manichäer Faustus, so, dass die Guten nach Anordnung der staatlichen Gewalt kämpfen müssen, um Ausschreitungen zu bestrafen. In Questiones in Heptateuchum definiert Augustinus den gerechten Krieg als einen, der Unrecht ahndet, indem dieses entweder bestraft oder Gerechtigkeit wiederhergestellt wird. Für Augustinus ist Krieg jedoch nicht per se schlecht, es gebe unter Umständen die moralische Pflicht Kriegsdienst zu leiten, so schreibt er in Contra Faustum:

„Was, in der Tat, ist denn überhaupt so falsch am Krieg? Dass Menschen sterben, die ohnehin irgendwann sterben werden, damit jene, die überleben, Frieden finden können? Ein Feigling mag darüber jammern, aber gläubige Menschen nicht […] Gott befiehlt Krieg, um den Stolz der Sterblichen auszutreiben, zu zerschmettern und zu unterwerfen. Krieg zu erdulden ist eine Probe für die Geduld der Gläubigen, um sie zu erniedrigen und seine väterlichen Zurechtweisungen anzunehmen. Denn niemand besitzt Macht über andere, wenn er sie nicht vom Himmel erhalten hat. Alle Gewalt wird nur auf Gottes Befehl oder mit seiner Erlaubnis ausgeübt. Und so kann ein Mann gerecht für die Ordnung kämpfen, selbst wenn er unter einem ungläubigen Herrscher dient.“

Thomas von Aquin: Krieg kann richtig sein, wenn die Ordnung des Staates gestört wird

Dies wurde im Mittalter durch Thoms von Aquin, den bedeutendsten scholastischen Theologen der katholischen Kirche, aufgegriffen. Thomas schreibt dazu in „Summa theologica“, dass Frieden nicht nur die Abwesenheit von Krieg, sondern den Schutz der Glaubenden und der  Noch-Nicht-Glaubenden durch den Staat und die Orientierung auf das Heil sei. Wenn diese Ordnung gestört sei, dann sei es richtig, wenn einer für die Wahrheit des Glaubens oder die Rettung des Vaterlandes und um das Christentum zu verteidigen sein Leben lasse. Gott belohne dies im Himmel.

Rezeption der Lehre vom gerechten Krieg im Ersten Weltkrieg

Nicht nur im Mittelalter, auch noch im Ersten Weltkrieg, wurde von „gerechten Kriegen“ gesprochen. Der damalige Bischof von Speyer und spätere Kardinal von München und Freising, Michael von Faulhaber, der u.a. auch Joseph Ratzinger zum Priester weihte, sagte über den Ersten Weltkrieg: „Nach meiner Überzeugung wird dieser Feldzug in der Kriegsethik für uns das Schulbeispiel eines gerechten Krieges werden.“

Der Krieg sei Deutschland von bösen Mächten aufgezwungen worden. Kriegsdienst daher wahre Verteidigung. In diesem theologischen Zusammenhang ist Kriegsdienst nicht weit getrennt vom Gottesdienst. Auf beiden Seiten, auf französischer und deutscher, predigten die Priester den Soldaten eifrig Kriegsparolen. Die Sache Gottes sei es, in den Krieg zu ziehen. Auf den Grabsteinen und in Kirchen wurden Gefallene nicht selten als Herolde gepriesen, die den „Heldentod“ fürs Vaterland gestorben seien. Mehr als das persönliche Leben zählte die Ordnung und Herrschaft des Staates. Der einzelne Mensch galt als gehorsamer Befehlsempfänger, ohne Recht auf eine eigene Gewissensentscheidung.

Mit dem Papst Benedikt XV. begann jedoch bereits die Lehre vom gerechten Krieg zu wanken. In seinem Apostolischen Schreiben „Allorché fummo chiamati“ vom 8. Juli 1915 bat er alle Kriegsnationen darum, „endlich diesem entsetzlichen Kampfe ein Ende zu bereiten, welcher seit einem Jahr Europa entehrt.“ Er hatte keinen Erfolg.

Der Zweite Weltkrieg und die Gewissensentscheidung

Im Zweiten Weltkrieg sah die Sachlage schon anderes aus. Viele Christen erkannten in Hitler gleichsam den Antichristen und sahen im Kriegsdienst, als Soldat für Hitler, Teufelswerk. Aus Gewissensentscheidungen wollten sie Kriegsdienst verweigern. Als prominentes Beispiel sei an dieser Stelle Franz Jägerstätter genannt, ein einfacher Landwirt aus Oberösterreich. Für ihn waren Nationalsozialismus und Christentum unvereinbar. 1938 stimmte er als Einziger! in seinem Dorf gegen den Anschluss Österreichs an Nazideutschland. Die österreichischen Bischöfe empfahlen meist für den Anschluss Österreichs zu stimmen. Der Wiener Kardinal Innitzer unterschrieb Briefe gar mit dem Deutschen Gruß, eine Geste, die er später bitter bereuen sollte. Franz Jägerstätter wurde 1940 zur Wehrmacht einberufen und leistete den Fahneneid auf Hitler. Dies galt als Gehorsamspflicht des Untertanen gegenüber der Staatsmacht. Im Dezember desselben Jahres trat Jägerstätter in den Dritten Orden des hl. Franziskus ein. Als er Ende Februar 1943 einberufen wurde in den Krieg zu ziehen, verweigerte er aus Gewissensgründen. Doch zur damaligen Zeit, war es nicht üblich, dass einfache Bauern nach ihrem Gewissen urteilen, ob ein Krieg rechtens sei. Josef Fließer, sein Linzer Bischof, sprach Jägerstätter das Recht ab, darüber zu entscheiden, ob er Kriegsdienst zu leisten habe. Ob aus theologischen Beweggründen, oder um ihn vor der sicheren Ermordung durch die Nazis zu retten, sah Bischof Fließer den Kriegsdienst Jägerstätters als gehorsame Pflicht an, die dieser zu leisten habe. Im August 1943 wurde Franz Jägerstätter, wegen seiner Weigerung für Hitler in den Krieg zu ziehen, hingerichtet. 2007 wurde er selig gesprochen. Bischof Fließer sagte noch 1946 über Jägerstätter:

„Ich kenne Jägerstätter persönlich, da er vor seinem Einrücken über eine Stunde bei mir war. Ich habe umsonst ihm die Grundsätze der Moral über den Grad der Verantwortlichkeit des Bürgers und Privatmannes für die Taten der Obrigkeit auseinandergesetzt und ihn an seine viel höhere Verantwortung für seinen privaten Lebenskreis, besonders für seine Familie erinnert. … Darum ist Jägerstätter ein ganz besonderer Fall, der mehr zu bewundern als nachzuahmen und darum nur in der entspechenden eindeutigen Darstellung dem Volk bekannt zu machen ist. … Ich halte jene idealen katholischen Jungen und Theologen und Priester und Väter für die größeren Helden, die in heroischer Pflichterfüllung und in der tiefgläubigen Auffassung, den Willen Gottes auf ihrem Platz zu erfüllen, wie einst christliche Soldaten im Herr des heidnischen Imperators, gekämpft haben und gefallen sind.“

Innerkirchliche Wandlung und Öffnung zur Gewissensfreiheit

So unverständlich die Aussage Bischof Fließers heute scheinen mag, so sicher war doch die damalige theologische Auffassung. Bereits Gregor XVI. sprach sich in seiner Enzyklika „Mirari Vos“ von 1832 gegen die Gewissensfreiheit aus und fragte, Augustinus zitierend: „was für einen schlimmeren Tod gibt es für die Seele als die Freiheit zum Irrtum?“.

Erst mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil begann die Kirche sich der Auffassung der Moderne zu öffnen und den Menschen, nicht nur den Staat, als Träger von Rechten und als Rechtssubjekt zu betrachten. Nicht mehr die staatliche und kirchliche  Obrigkeit allein verfügt über legitime Rechte, sondern der Mensch darf entscheiden, was ihm als wahr und richtig im Gewissen erscheint:

„Im Innern seines Gewissens entdeckt der Mensch ein Gesetz, das er sich nicht selbst gibt, sondern dem er gehorchen muß und dessen Stimme ihn immer zur Liebe und zum Tun des Guten und zur Unterlassung des Bösen anruft und, wo nötig, in den Ohren des Herzens tönt: Tu dies, meide jenes. Denn der Mensch hat ein Gesetz, das von Gott seinem Herzen eingeschrieben ist, dem zu gehorchen eben seine Würde ist und gemäß dem er gerichtet werden wird. Das Gewissen ist die verborgenste Mitte und das Heiligtum im Menschen, wo er allein ist mit Gott, dessen Stimme in diesem seinem Innersten zu hören ist.“

Damit ist klar: Einen unreflektierten Kriegsdienst kann es heute für den Katholiken nicht mehr geben. Nur weil von der Staatsmacht ein Krieg erklärt wird, ist er noch lange nicht legitim. Die Kirche fordert heute einen mündigen Menschen, der in sich die Wahrheit Gottes vernehmen kann. Nicht durch bloßen äußeren Befehl, auch nicht durch Furcht oder Willkür, sondern durch wahre Prüfung des Gewissens kann die Antwort gefunden werden, ob es Recht sei, Kriegsdienst zu leisten, oder ob Widerstand die angebrachte Haltung ist.

Josef Jung

Quellen und Literatur:

Augustinus, De Civitate Dei.

Augustinus, Contra Faustum.

Augustinus, Questiones Heptateuchum.

Benedikt XV. Apostolisches Schreiben Allorchè fummo chiamati vom 8. Juli 1915. (Online und Deutsch auf: http://www.vatican.va/holy_father/benedict_xv/apost_exhortations/documents/hf_ben-xv_exh_19150728_fummo-chiamati_ge.html).

Die Bibel, Einheitsübersetzung, Römerbrief.

Faulhaber, Michael von, in: Hecker, Hans J., Kardinal Faulhaber und seine Stellung im Wandel der politischen Verhältnisse, in: Kardinal Michael von Faulhaber, 1869-1952.

Fließer, Josef in: Zahn, Gordon C.: Er folgte seinem Gewissen. Das einsame Zeugnis des Franz Jägerstätter.

Gregor XVI. Enzyklika Mirari Vos.

Thomas von Aquin, Summa theologica. (Online und Lateinisch-Deutsch: http://www.unifr.ch/bkv/summa/kapitel1.htm).

Zweites Vatikanisches Konzil, Pastorale Konstitution Gaudium et Spes. (Online und Deutsch auf: http://www.vatican.va/archive/hist_councils/ii_vatican_council/documents/vat-ii_const_19651207_gaudium-et-spes_ge.html).

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