Sind katholische Kirche und moderne Welt unvereinbar?

Zum 100. Todestag des Hl. Papstes Pius X. am 20. August 1914

St. Peter's Basilica

Foto: swisshippo / Fotolia.com

Aktualität des Themas

Auch heute stellt sich die Frage nach der Modernitätsfähigkeit von Religionen, zum Beispiel in den Fragen der Sexualmoral und modernen Lebenswirklichkeiten oder wie im Nahen Osten im Bereich der Religionsfreiheit. Eine Beschäftigung mit dem Pontifikat Pius X., in dem es zu einer scharfen Auseinandersetzung mit der Moderne kam, die teilweise noch heute andauert, zeigt einige damalige Gegensätze. Sind Kirche und Moderne vereinbar? Wie steht es mit den modernen Freiheitsrechten und dem katholischen Glauben?

Von Leo XIII. zu Pius X.

Am 20. Juli 1903 starb Papst Leo XIII. im hohen Alter von 93 Jahren. Dessen 25-jähriges Pontifikat war geprägt von Diplomatie. Gegen die Moderne in der Lehre, aber pragmatisch in seiner Politik.

Als Nachfolger wurde Giuseppe Sarto der sich den Namen Pius X. gab, gewählt. Er gab sich diesen Namen, da diese Päpste im vergangen Jahrhundert erfolgreich gegen Sekten und Irrtümer gekämpft hätten. Sarto war fromm und mitunter eifernd, aber mit demütigen und gütigen Zügen im persönlichen Umgang. Dazu passt, dass Sarto nie eine Universität besucht hat, und ihm, wie bereits in seiner ersten Enzyklika, E Supremi von 1903, deutlich wird, moderne Theologie und Wissenschaft suspekt waren. Pius X. arbeitete vor allem gegen liberale und modernisierende Strömungen in der Kirche. Das Feindbild des Papstes war der so genannte „Modernismus“.

Begriff des Modernismus/Antimodernismus

Es gibt keinen einheitlichen Begriff dessen, was Modernismus ist. In römischen Kreisen galt derjenige als Modernist, der die Kirche umstürzen wolle. Es ist kein Begriff der Geschichtswissenschaft, sondern ein Kampfbegriff. Zum innerkatholischen Kampfbegriff wird das Wort Modernismus im 19. Jahrhundert bei Charles Périn, ein Laie und Nationalökonom, in seinem Aufsatz „Le modernisme dans l’église d’après les lettres inédites de La Mennais“.. Dort versteht Périn Modernismus als synthetischen Begriff für die Versöhnungsversuche liberaler Katholiken mit den Ideen der Französischen Revolution und demokratischen Tendenzen. Nach Périn wolle der Modernist Gott durch den Menschen, die Theokratie durch Humanismus ersetzen. Der Ursprung der antimodernen Haltung in der Kirche liegt im Beginn der Moderne: Die Französische Revolution und ihre Grund- und Freiheitsrechte: Gewissensfreiheit, Religionsfreiheit, Gleichheit aller Menschen usw. wurden bereits von Pius VI. 1791 und seinen Nachfolgern wie Gregor XVI. und Pius IX. in Briefen und Enzykliken immer wieder abgelehnt. Die Kirche, die die Wahrheit habe, brauche dem Irrtum kein Recht einzuräumen. Freiheit war nach Auffassung der Päpste nur die Möglichkeit, der Wahrheit zuzustimmen, aber es gab kein Recht, eigene Ansichten kundzutun oder zu leben.

Pius X. gegen moderne Entwicklungen

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts landeten einige Werke des Exegeten Alfred Loisy auf dem Index der verbotenen Bücher. Der Theologe Weiß schrieb ein Buch mit dem Titel „Die religiöse Gefahr“, in dem er gegen Autonomieansprüche und moderne Tendenzen wetterte.

Pius X.sah es nun auch als seine Aufgabe an, gegen solche Tendenzen vorzugehen, indem er 1907 die Enzyklika “Pascendi dominici gregis“ schrieb und dort den Begriff: „modernistae“ – Modernisten – als Schmähbegriff für solche Theologen verwendete, die nach Ansicht des Papstes die Kirche zerstören wollten und „Feinde des Kreuzes Christi“ seien. Getrieben durch Stolz und falsche Neugier, sei nun der Modernismus als Sammelbecken aller Häresien die neue Möglichkeit der Kirchenfeinde, diese zu zerstören. So gut wie alle modernen theologischen Entwicklungen oder der Versuch Kirche und Moderne zu versöhnen, wurden meist abgelehnt. Die Kirche sei nämlich im Besitz der ewigen unveränderlichen Heilswahrheiten, die gegen falsche Lehren zu verteidigen sei. Antimodernismus war nach Pius X. der oberhirtliche Beitrag zur Rettung der Seelen vor der ewigen Verdammnis durch falsche Lehren, die ins Unheil führten.

1910 wurde in einem Motu proprio der Antimodernsiteneid eingeführt, den alle werdenden Priester bis 1967 schwören mussten.

Historische-kritische Exegese war verboten, freie Forschung und Wissenschaft, Gewissensfreiheit, Religionsfreiheit sowie jedwede Theologie, die nicht den neuscholastischen Vorstellungen des Papstes entsprach. Die Kirche gefangen im Klima der Angst. Es drohte der intellektuelle Supergau.

Ist Religion zwangsweise antimodern?

Die Frage, ob Religion modernitätsfähig ist, wurde von Pius X. für viele aber nicht für alle Bereiche verneint. Für ihn galt es, die Religion gegen die Moderne, da wo sie die Lehre in Frage stellt, zu verteidigen. Dazu griff er auch auf kirchliche Geheimdienste und Denuntiationen zurück. Er konnte von Pius XII. 1954 nur deshalb heiliggesprochen werden, da man die Schuld an unmoralischer Priesterbespitzelung Kardinälen und kurialen Mitarbeitern zusprach. Dies betrachtet die heutige Geschichtswissenschaft aber als nicht zutreffend: Pius X. scheint über jede Aktivität im Klaren gewesen zu sein. Die traditionalistische Priesterbruderschaft St. Pius X., die Teile des Zweiten Vatikanischen Konzils, wie die damit einhergehenden Freiheitsrechte darunter Religions- und Gewissensfreiheit ablehnt, hat Pius X. zum Patron. Auch wenn die meisten seiner Besorgnisse heute durch das Zweite Vatikanische Konzil überwunden sind, bleibt eines in Erinnerung: Kirche und Moderne gingen und gehen nicht immer konfliktlos zusammen. Dabei kommt Pius X. eine doppelte Rolle zu: zum einen hat er Reformen initiiert (Kirchenrecht, Liturgie, Kurie), zum anderen auch den Antimodernismus systematisch festgeformt. Es trifft daher zu, wenn er als “konservativer Reformpapst“ bewertet wird.

Josef Jung

 

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